Text: Sabina Butz
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Das Wort Waise leitet sich vom althochdeutschen „weiso“ ab und bezeichnete schon vor über tausend Jahren ein Kind, das einen oder beide Elternteile verloren hatte. Solange es Kriege, Katastrophen, Unfälle, Epidemien und andere Schicksalsschläge gegeben hat und geben wird, wird es auch in jeder Gesellschaft Waisenkinder geben. Derzeit liegt der Anteil aller Halb- und Vollwaisen in Deutschland bei geschätzten 0,95 % der Gesamtbevölkerung. Im 17. bis 19. Jahrhundert sah das jedoch ganz anders aus: Damals musste man mit etwa 20 bis 30 % Waisenkindern innerhalb der Bevölkerung rechnen. Gründe dafür waren die niedrigere Lebenserwartung, Naturkatastrophen, Epidemien und zahlreiche Kriege.
Da es im gesamten Mittelalter keine staatlichen Sozialsysteme gab, mussten Großfamilie, Verwandtschaft, Nachbarschaft oder Dorfgemeinschaft für die Waisenkinder aufkommen, die dann in der Regel auch im Heimatdorf aufwuchsen. Stand ein solches Netz nicht zur Verfügung, übernahmen häufig Klöster und Krankenhäuser die Versorgung. Für die Kinder bedeutete das, zusammen mit Bettlern, Schwerkranken und alten Menschen auf engstem Raum zu leben. Pädagogische Förderung oder Schulunterricht gab es nicht.
Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges und seiner Folgen stieg die Zahl elternloser Kinder massiv an. Die bis dahin schon überlastete Waisenversorgung war nicht mehr gewährleistet. Erste Waisenhäuser wurden gegründet. Die Kosten für die Unterbringung mussten die Kinder selbst durch Spinnen, Weben, Strumpfstricken oder andere gewerbliche Arbeiten erwirtschaften.
Mit der Industrialisierung verschärfte sich die Situation weiter: extreme Armut führte zu Auswüchsen wie der Versteigerung von Waisenkindern an Bauern, die sich so billige Arbeitskräfte sicherten, da der Staat ihnen zumindest geringe Kosten erstattete. Erst im 20. Jahrhundert stellte man das Kindeswohl an oberste Stelle und gestand Kindern eigene Rechte zu.
Bild oben KI-generiert mit ChatGPT

