Waisenkinder im Sauerland

Im 18. und 19. Jahrhundert lag die Betreuung von Waisenkindern im Aufgabenbereich der einzelnen Gemeinden im Rahmen der Armenpflegepflicht. Jedes Dorf musste selbst zusehen, wie es seine Armen möglichst kostengünstig versorgte. Dabei kam es zu äußerst fragwürdigen Auswüchsen, die man jedoch zeitgeschichtlich einordnen muss, da sie mit heutigen Vorstellungen von Waisenversorgung nicht vereinbar sind.

Waisenkinder wurden an lokale Familien vermittelt, meist an Handwerker oder Bauern, denen ein „Kostgeld“ von der Gemeinde gezahlt wurde. Dieses Kostgeld wurde in einer Art Rückwärtsversteigerung (Minus-Auktion) ausgehandelt: Wer am wenigsten Kostgeld forderte, erhielt das Kind – und damit eine billige Arbeitskraft. Die Aufnahme eines „Kostkindes“ folgte rein wirtschaftlichen Erwägungen. Die Kinder mussten harte körperliche Arbeit leisten, um ihren Unterhalt zu refinanzieren. Sie wurden oft schlecht ernährt, waren im Dorf stigmatisiert und standen am unteren Ende der sozialen Hierarchie.

Dieses System der Kinderversteigerungen wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die preußische Armengesetzgebung stark eingeschränkt und erst 1922 durch das Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt (RJWG) endgültig abgeschafft.

Neben diesem eindeutig nicht am Kindeswohl orientierten System gab es im Sauerland jedoch auch karitative kirchliche Einrichtungen vor 1900: Spitäler oder Gasthäuser, etwa in Brilon oder Arnsberg. Sie nahmen alle Menschen auf, die keine Familie mehr hatten – Alte, Kranke und Waisenkinder. In den Dörfern existierten zudem schlichte „Armenhäuser“, die von Kirche und Gemeinde unterhalten wurden. Mehr als eine Schlafstätte und eine Suppe boten sie allerdings nicht.

Auch die Klöster, etwa Wedinghausen oder Grafschaft, verteilten Lebensmittel an Bedürftige und nahmen kranke Menschen auf. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren diese Versorgungseinrichtungen jedoch überlastet. Neue Orden wie die Vinzentinerinnen sahen ihre Aufgabe darin, spezielle Hilfsanstalten, Krankenhäuser und reine Waisenhäuser zu gründen.

Ein konkretes Beispiel findet sich 1862 in Brilon.

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