Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
„Schnell, bringt die Kinder ins Haus – die Zigeuner[1] kommen!“ Einen Satz wie diesen hörte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch gelegentlich auf dem Lande. Manchmal waren es statt der Kinder auch die Hühner oder die Wäsche, die in vermeintliche Sicherheit gebracht wurden. Der Ostwiger Helmut Aßmann erinnerte sich Jahrzehnte später daran, wie rasch sich die Nachricht im Dorf verbreitete, sobald die Wohnwagen im Elpetal zu sehen waren und die stolzen, fremden Frauen mit ihren Waren im Dorf auftauchten. Dahinter stand eine diffuse Angst vor Menschen, über die man kaum etwas wusste.
Aßmann selbst war als Kind zwischen Furcht und Faszinarion hin- und hergerissen. Einerseits kannte er die Gerüchte und Warnungen der Erwachsenen, andererseits zog ihn das Lager an. Meist standen dort zwei, drei oder vier Wagen. Er schlich sich in die Nähe, um die Wagen mit ihren „blitzblanken Wohn- und Schlafstuben“ und ihre Bewohner zu beobachten. Er erinnerte sich an „die rauchenden Feuer, die flatternde Wäsche, die herbe Schönheit ungestört weidender Pferde sowie die natürliche Buntheit der gesamten Szenerie“ – und an die Enttäuschung, wenn die Wagen fast über Nacht verschwanden und nur der schwarze Fleck einer verloschenen Feuerstelle zurückblieb.
Als Erwachsener schrieb er: „Erst die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg haben durch Aufklärung und Berichte über das Schicksal der Zigeuner im sogenannten Dritten Reich Aufschluss darüber gegeben, wie jahrhundertealte Aversionen und eine totale Unkenntnis über die ganz natürlichen Besonderheiten dieser Volksgruppe bei der Landbevölkerung jener Zeit solche verrückte Fehleinschätzung verursachen konnten. Wann je hat man damals von Kindesraub durch Zigeuner etwas gehört, es sei denn in der NS-Propaganda.“
Seine Kindheitserinnerungen wirken stellenweise romantisierend wirkt, was der Lebenswirklichkeit der sogenannten Zigeuner keineswegs entsprach. Viele reisende Familien verdienten ihren Lebensunterhalt mit mobilen Gewerben, Handel, Reparaturarbeiten oder Musik – Tätigkeiten also, die sich auch ohne festen Wohnsitz ausüben ließen. Diese Menschen waren ausgegrenzt und lebten häufig in großer Armut. Die oft beschworene Freiheit war in Wahrheit eher Ausdruck von Rechtlosigkeit.

