Wie die Obrigkeit im Sauerland Fremde und Fahrende kontrollierte

Maßnahmen gegen französische Spione, reisende Marionettenspieler und „Zigeuner“

Eine erstaunliche Aktenüberschrift

Im Landesarchiv NRW findet sich im Bestand der Landstände des Herzogtums Westfalen eine Akte mit der bemerkenswerten Bezeichnung: „Maßnahmen gegen französische Spione, reisende Marionettenspieler und Zigeuner“. Was diese Gruppen miteinander zu tun hatten, erschließt sich zunächst kaum. Tatsächlich enthält die Akte verschiedene Vorgänge. In der erhaltenen Verfügung vom 5. Januar 1720 stehen weder französische Spione noch Marionettenspieler im Mittelpunkt. Es geht vor allem um fremde Bettler, Vaganten, also umherziehende Menschen ohne festen Aufenthaltsort, und andere Menschen, die von der Obrigkeit als verdächtig angesehen wurden. Gemeinsam war ihnen vor allem eines: Sie waren unterwegs – und genau das erschwerte die Kontrolle.

Die Verfügung von 1720

Die zwölf Bestimmungen zielten darauf, Einheimische zu versorgen und Fremde zu kontrollieren. Wer unterwegs war, musste seine Herkunft belegen; Betteln war nur mit Bescheinigung erlaubt. Menschen ohne Papiere sollten gemeldet, befragt und weitergeschickt werden. Selbst mit gültigen Papieren war nur eine Übernachtung vorgesehen. Die Behörden sollten außerdem feststellen, wo sich ein Fremder zuvor aufgehalten hatte. Zu bestimmten Zeiten sollten Bettler und „Vagabunden“ gleichzeitig erfasst und aus dem Gebiet gebracht werden – ein frühes System des organisierten Weiterschiebens.

Von Ort zu Ort

Auch im 19. Jahrhundert blieb dieses Vorgehen üblich. 1886 wurde eine Gruppe von rund 50 Menschen mit neun Wagen und etwa 18 bis 20 Pferden von Olpe aus über zahlreiche Verwaltungsbezirke weitertransportiert. Ihre Route führte unter anderem über Arnsberg, Meschede und Brilon bis in Richtung sächsische Grenze.

Die Familie Dodor kommt nach Arnsberg

1889 gelangte eine Gruppe über Meinerzhagen, Hagen und Iserlohn nach Arnsberg. Drei Männer waren zuvor wegen Landstreicherei festgenommen worden; in Arnsberg blieben fünf Frauen, drei Mädchen, neun Kinder und ein älterer Mann. Erst eine Durchsuchung der Wagen brachte Papiere zum Vorschein. So erhielten die Menschen Namen: die Brüder Georges, Chandor/Sandor und Joseph Dodor (auch Todor) und ihre Angehörigen.

Die aufgefundenen Papiere verwiesen nach Frankreich; Georges wurde als Pferdehändler beschrieben und mit Perpignan in Verbindung gebracht. Der Landrat ordnete einen „Zwangstransport“ über Eslohe, Olpe, Freudenberg, Koblenz, Trier und Merzig bis zur Grenze bei Longwy an.

Nass, kalt und unter freiem Himmel

Der anschließende Schriftwechsel über die Kosten zeigt die Lebensumstände der Gruppe. Der Bürgermeister begründete die vergleichsweise hohen Ausgaben mit dem nassen, kalten Novemberwetter und dem Lager unter freiem Himmel. Eine kräftigere Verpflegung sei nötig gewesen, da ein weiter Transport bevorstand. Auch Pferde mussten gefüttert und ein beschädigter Wagen repariert werden; die Gruppe konnte dies mangels Werkzeug und wegen fehlender Arbeitskräfte nicht selbst erledigen.

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