Lagern unerwünscht
1895 berichtete die Regierung Arnsberg über vermehrtes Auftreten „herumziehender Zigeunerbanden“. Das Lagern an öffentlichen Wegen sollte verhindert, das nächtliche Abstellen der Wagen aus Verkehrs- und Sicherheitsgründen untersagt werden.
Dabei drängt sich eine einfache Frage auf: Wo sollten Menschen mit ihren Wagen dann überhaupt übernachten? Sie benötigten Wasser für Mensch und Tier, Platz für die Pferde und einen einigermaßen ebenen Standort. Gleichzeitig waren gerade Plätze an Straßen und Wegen für die Behörden unerwünscht.
Lagerplätze blieben in Erinnerung
Trotzdem gab es solche Plätze. Helmut Aßmann erinnerte sich an einen solchen Standort an der Elpe. In seinem Beitrag ist sogar ein Foto abgedruckt, dessen Bildunterschrift den Platz als „Zigeunerplatz Ostwig – Auf den Plassen/Elpe – ca. 1938/39“ bezeichnet.
Auch aus Ramsbeck und Heringhausen ist die Erinnerung an einen Lagerplatz erhalten geblieben – an der Bestwiger Straße in der Kurve zwischen beiden Orten. Einen schriftlichen Beleg für diesen konkreten Platz gibt es bislang nicht. Die Erinnerung passt jedoch in ein Muster, das die Arnsberger Akten des 19. Jahrhunderts deutlich erkennen lassen.
Unter Beobachtung
Zwischen 1720 und 1895 veränderte sich die Verwaltung grundlegend, doch ein Gedanke blieb konstant: Menschen ohne festen Aufenthaltsort galten als Problem. Aus Passkontrollen und Weiterweisungen wurden im 19. Jahrhundert organisierte Transporte, Vernehmungen und festgelegte Routen. So lässt sich zumindest nachvollziehen, warum im Archivtitel so unterschiedliche Gruppen nebeneinander erscheinen: französische Spione, Marionettenspieler und „Zigeuner“ waren völlig unterschiedliche Gruppen – für die Obrigkeit jedoch hatten sie eines gemeinsam: Sie kamen von außerhalb und waren unterwegs.
Woher stammen Sinti und Roma?
Die Vorfahren der heute in Europa lebenden Sinti und Roma stammten ursprünglich aus dem nordwestlichen Indien beziehungsweise dem Gebiet des heutigen Pakistan. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen des Romanes belegen diese Herkunft. Über viele Jahrhunderte führten Wanderungsbewegungen über Persien, Kleinasien und den Balkan nach Mittel- und Westeuropa.
Im deutschen Sprachraum sind Sinti und Roma seit dem frühen 15. Jahrhundert nachweisbar. Sinti leben damit seit mehr als 600 Jahren in Mitteleuropa. Der Begriff „Sinti“ wird vor allem für die seit dem ausgehenden Mittelalter in Mittel- und Westeuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit verwendet.
Die historische Bezeichnung „Zigeuner“ war dagegen eine Fremdbezeichnung. Außerdem verwendeten Behörden sie nicht immer eindeutig nur für Sinti und Roma, sondern teilweise auch pauschal für andere Fahrende. Deshalb lässt sich bei Personen in alten Sauerländer Akten nicht allein aus dieser Bezeichnung ihre Zugehörigkeit zu Sinti oder Roma ableiten.
Quellen
Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, A 009, Nr. 721, Herzogtum Westfalen, Landstände
LAV NRW W, Regierung Arnsberg, K 101, Nr. 14538 sowie Nr. 14541/14542.
Helmut Aßmann, „Jugenderinnerungen an die Zigeuner“, Heimatbund der Gemeinde Bestwig, Jahrbuch 2007.
Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/info-aktuell/239954/sinti-und-roma/
[1] Hinweis: Der Begriff „Zigeuner“ wird im Folgenden dort verwendet, wo er Bestandteil historischer Quellen und Behördenakten ist. Er wurde früher keineswegs ausschließlich für Sinti und Roma gebraucht, sondern teilweise auch pauschal für andere Fahrende.

