… und was der Kulturkampf für den Küster bedeutete

Die „herrenlose Zeit“ von Eslohe

Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung

Im November 1879 starb in Eslohe die Frau des Esloher Lehrers, Küsters und Organisten. Ihr Mann, Heinrich Harlinghausen, hatte schon Monate zuvor bei den Begräbnissen der Gemeinde Aufgaben übernommen, die normalerweise einem Geistlichen zukamen: Er begleitete die Verstorbenen zu ihrer letzten Ruhestätte und führte die Beisetzungen ohne Priester durch. Einen Pfarrer gab es in dieser Zeit in Eslohe nicht.

Doch die Beerdigung seiner eigenen Frau übernahm Harlinghausen nicht selbst. Stattdessen kam Lehrer Linhoff aus Wenholthausen und nahm die Beerdigung vor. Der Esloher Pfarrer und Chronist Johannes Dornseiffer hielt später ausdrücklich fest, dass Harlinghausen danach wieder „alle übrigen Beerdigungen“ vollzog.  Es war eine außergewöhnliche Situation in einem Sauerländer Kirchspiel.

Heinrich Harlinghausen stammte aus Rhynern (bei Hamm), hatte das Lehrerseminar in Büren besucht und anschließend unter anderen in Herdecke und Altena gearbeitet.  Als die Lehr- und Küsterstelle in Eslohe frei wurde, bewarben sich 17 Männer darum. Der Schulvorstand entschied sich für Harlinghausen. Seitdem gehörten Schule und Kirche zu seinem täglichen Leben. Mit seiner Frau Elisabeth hatte er neun Kinder.  Dass er 25 Jahre später auch die Toten des Kirchspiels beerdigen würde, konnte damals niemand ahnen.

Der Kulturkampf erreicht Eslohe

Die Ursache lag weit außerhalb des Dorfes. Nach der Gründung des Deutschen Reiches gerieten der preußische Staat unter Otto von Bismarck und die katholische Kirche immer heftiger aneinander. Mit den sogenannten Maigesetzen von 1873 erhielt der Staat weitreichende Möglichkeiten, die Ausbildung und Anstellung katholischer Geistlicher zu kontrollieren.

Im überwiegend katholischen Sauerland stießen diese Eingriffe auf erheblichen Widerstand. Der Paderborner Bischof Konrad Martin widersetzte sich den staatlichen Vorgaben besonders entschieden. Deshalb wurde er 1874 verhaftet und Anfang 1875 vom preußischen Staat für abgesetzt erklärt. Später floh er ins Ausland und starb 1879 im belgischen Exil.

Auch Eslohes Pfarrer Theodor Schierhoff bekam die Folgen des Kulturkampfes unmittelbar zu spüren. Weil er einen Hirtenbrief Martins verlesen hatte, musste er einen Tag Gefängnis in Arnsberg verbüßen. Der Wenholthausener Dechant Schonlau, der gegen seine Verurteilung keine Berufung eingelegt hatte, verbrachte sogar acht Tage Festungshaft in Wesel.

Für die Menschen im Sauerland war der Kulturkampf damit längst keine Auseinandersetzung mehr, die nur in Berlin oder Paderborn geführt wurde.

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