Text: Christel Zidi
Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen

Latrop im Jahre 1737

Von Grafschaft aus war die kleine Gruppe bereits über eine Stunde unterwegs, als sie schließlich in das Grubental hinabstieg. Abt Josias Poolmann hatte erst im letzten Jahr eine große Grenzbegehung durchgeführt, die ihn bis in die Nähe des oberen Schladebachs geführt hatte. Heute nun sollte an einer einst heidnischen Kultstätte ein Kreuz errichtet werden.

An seiner Seite ging der neue Prior Ludwig Grona. Die beiden Männer waren in ein angeregtes Gespräch vertieft – ihre gemeinsame Leidenschaft für Kunst und Architektur verband sie. Hinter ihnen folgten schweigend zwei Novizen, die das schwere Holzkreuz trugen.

Poolmann, im hessischen Ottlar geboren, war in Schmallenberg aufgewachsen und kannte die Gegend wie kaum ein anderer. Er nutzte die Gelegenheit, den neuen Prior über die Geschichte des Ortes aufzuklären, denn Grona war erst vor Kurzem aus Köln nach Grafschaft gekommen.

„Gruven wurde bereits 1297 erwähnt“, begann er. Auch von einem Hermann von Gruvelsiepe sei schon 1284 die Rede gewesen. „Vermutlich“ fügte er hinzu, „leitet sich der Name Grubental von diesem längst wüst gefallenen Ort ab.“

Schließlich erreichten sie Latrop. Hier war vor rund hundert Jahren eine neue Siedlung auf altem Grund entstanden. „Latrop ist ein sehr alter Ort, Bruder Ludovikus“, erklärte der Abt. „Dieses Tal war schon heilig, lange bevor Christus hier verehrt wurde.“

Während sie weitergingen, spannte Poolmann den Bogen der Geschichte: Er erzählte von Johannes von Latrop, der 1268 urkundlich erwähnt wurde, und von den einstigen Hofstätten im Grubental – Wiesentrop, Gellentrop und Untrop.

Dann wurde seine Stimme ernster. „Die Soester Fehde und der Hessische Krieg haben fast alles zerstört. Den Rest nahm die Pest.“ Einen Moment schwieg er. „Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war hier kein einziger Hof mehr bewohnt.“

Die Bewohner des Grubentals hatten Zuflucht in Schmallenberg gesucht, ihre Höfe waren zu Wüstungen geworden. „Der Erzbischof untersagte den Wiederaufbau“, fuhr Poolmann leise fort. „Zu abgelegen war das Tal, zu schwer zu kontrollieren.“ Die Menschen sollten näher bei den Städten bleiben – dort, wo man sie schützen, aber auch lenken konnte.

Und doch gaben sie das Tal nicht auf. Vieh wurde weiterhin hierher getrieben, die Wälder genutzt – ein stilles Festhalten an der alten Heimat. So blieb es bis ins Jahr 1617.

Foto oben: qwesy qwesy, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

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