Text: Christel Zidi
Sagen, frei nacherzählt
Unabhängig von seiner historischen Funktion gilt die Möhneburg seit jeher als mystischer Ort. Der Briloner Heimatforscher Dr. Balthasar Hubert Maria Hüser veröffentlichte 1898 zwei der bekanntesten Sagen, die er aus der mündlichen Überlieferung sammelte.
Dr. Hüser (1855–1930) war katholischer Priester, Gymnasialdirektor des Gymnasiums Petrinum in Brilon sowie Heimatforscher und Volkskundler. Mit seinen „Beiträgen zur Volkskunde“ (1893/1898) bewahrte er zahlreiche Sagen und Überlieferungen des Sauerlandes, darunter auch Erzählungen aus Wülfte. Eine der bekanntesten Erzählungen berichtet von einer unheimlichen Begegnung am Kalkofen nahe der Möhneburg:
Die Spukstelle am Kalkofen

„Als ich einmal abends daher kam, sah ich jenseits des Grabens eine Frau stehen. Sie trug einen karmelottenen Rock[1], einen Spenzer[2] und Stauchen[3], die bis auf die Mitte der Hand gingen. […]
Als ich mich nach wenigen Augenblicken noch einmal umsah, war die Gestalt verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Dornbusch, wo niemals zuvor ein Strauch gestanden hatte.“
Hüser ordnet diese Erscheinung den klassischen Spukfrauen des Sauerlandes zu: Sie spricht nicht, greift niemanden an, erscheint nur kurz und verschwindet plötzlich. Solche Gestalten werden häufig mit ehemaligen Höfen, alten Wegen oder verlassenen Siedlungen verbunden. Sie galten als Übergangsbereiche zwischen Wirklichkeit und Volksglauben.

Am Nordhang des kleinen Eisenbergs, nahe dem Gesecker Stein, befanden sich mehrere Kalköfen, die spätestens seit dem frühen 18. Jahrhundert nachweisbar sind. Hier wurde der in der Umgebung gebrochene Kalkstein gebrannt, um Branntkalk herzustellen. Nach dem Löschen mit Wasser entstand Löschkalk, der als wichtiger Baustoff für Mörtel und Putz sowie zur Kalkung landwirtschaftlicher Flächen verwendet wurde. Die Kalköfen lagen bewusst in Waldnähe, da sie große Mengen Brennholz benötigten. Kalkabbau und Kalkbrennen gehörten über Jahrhunderte zur wirtschaftlichen Nutzung der Region und prägten das Landschaftsbild ebenso wie die zahlreichen historischen Bergwerke.
Der schwarze Hund von Kneblinghausen
Noch düsterer ist die Sage vom schwarzen Hund. Hüser berichtet, dass sich bei der Wüstung Kneblinghausen, in der Flur „Im Wenster“ einst zwei adelige Höfe oder Rittergüter befunden hätten. Ihren Besitz sollen sie durch Verschwendung verloren haben. Nachdem ihre Besitzer verarmt oder ausgestorben seien, verfielen die Gebäude. Seitdem gelte der Ort als unheimlich.
Bei der Wüstung Kneblinghausen nahe Wülfte soll ein großer schwarzer Hund mit glühenden Augen umgehen. Besonders in der Dämmerung erscheint er Wanderern auf dem alten Weg über den Wenster. Manche erzählten, der Hund folge ihnen lautlos oder springe ihnen auf den Rücken, bevor er plötzlich wieder verschwinde.
Noch im frühen 20. Jahrhundert, erzählte man, sei ein Mann aus Wülfte auf dem Heimweg von dieser Erscheinung verfolgt worden.
Der schwarze Hund erscheint in vielen Regionen als Symbol für Gefahr und soziale Verluste – hier verknüpft mit dem Niedergang der alten Höfe.
Manchmal berichteten Menschen auch von „Lichtern zwischen den Bäumen“. Heute würde man an Lichtbrechungen oder reflektierende Tieraugen denken. Früher sagte man schlicht: „Die alten Jäger gehen noch ihre Runde.“ Solche Erzählungen zeigen den tiefen Respekt, den die Menschen den großen Wäldern entgegenbrachten.
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