Text: Christel Zidi
Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen
Lenneplätze im Jahre 1867
Heinrich legte den kleinen Holzblock zur Seite, aus dem später der nächste Löffel entstehen sollte. Die Arbeit konnte ruhig einmal warten. Solch ein warmer Sommertag war selten hier oben – auf einer Höhe, auf der selbst im Juni noch Frost über die Wiesen zwischen Altastenberg und Neuastenberg ziehen konnte.
Weit musste Heinrich nicht gehen, bis er die letzten Häuser hinter sich gelassen hatte. Lenneplätze war auch im 19. Jahrhundert kaum mehr als eine Handvoll Häuser. Rundherum erstreckten sich Wälder und Wiesen über die Höhen des Rothaargebirges.
Sein Weg führte ihn hinunter zur jungen Lenne. Nicht weit entfernt, am Kahlen Asten, entspringt die Lenne, die hier noch kaum mehr als ein Bach ist. Später fließt sie durch Schmallenberg und Altena und mündet nach fast 130 Kilometern bei Hagen in die Ruhr. Heinrich kannte diese Landschaft seit seiner Kindheit. Und als Handelsmann gehörte er zu jenen Männern aus den Höhendörfern, deren Lebensunterhalt nicht allein vor der eigenen Haustür zu verdienen war.
1827 war er in Lenneplätze geboren worden. Nun, mit vierzig Jahren, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Löffelschnitzer und Handelsmann.
Vier Jungen und ein Mädchen hatten Heinrich und seine Frau Anna. Vielleicht würden auch seine Söhne einmal vom Wald leben, so wie Generationen vor ihnen.
Aus einer Köhlersiedlung entstanden
Lenneplätze soll bereits im 16. Jahrhundert aus einer Köhlersiedlung hervorgegangen sein. Die ausgedehnten Wälder boten reichlich Holz, das die Köhler in ihren Meilern zu Holzkohle verarbeiteten. Sie wurde als Brennstoff unter anderem für die Eisenverhüttung und -verarbeitung benötigt.
Ein leichtes Leben war es hier oben nie. Der karge Boden und das raue Klima ließen nur begrenzten Ackerbau zu. Roggen und später Kartoffeln gehörten zu den wenigen Feldfrüchten, die unter diesen Bedingungen gediehen. Für viele Familien reichte das, was der Boden hervorbrachte, kaum zum Leben. Fast immer war zusätzlicher Verdienst notwendig – und wieder bot der Wald Möglichkeiten.
Aus Holz wurde Ware
Holz ließ sich nicht nur zu Holzkohle verarbeiten. Im oberen Sauerland entwickelte sich über Jahrhunderte die Herstellung hölzerner Gebrauchsgegenstände. Vor allem in den Höhendörfern wurden zahlreiche Waren geschnitzt und gedrechselt. Viele Kleinbauern betrieben diese Tätigkeiten neben ihrer Landwirtschaft. Manchmal kehrten sich die Verhältnisse sogar um: Handwerk und Handel wurden zur eigentlichen Erwerbsquelle, während die Landwirtschaft nur noch nebenher betrieben wurde.
Wer keinen ausreichenden eigenen Hof besaß, musste ohnehin andere Wege finden, seine Familie zu ernähren. So machten sich aus dem oberen Sauerland zahlreiche Männer als Wander- und Hausierhändler auf den Weg.
Auch Heinrich Leber gehörte zu ihnen. Zwar war er als Händler tätig, doch blieb er Lenneplätze sein Leben lang verbunden. Hier wurde er geboren, hier arbeitete er als Löffelschnitzer und Handelsmann, und hier starb er.
Seine älteren Vettern Caspar und Clementius Leber dagegen suchten ihr Auskommen in einer Gegend, die sich von den Höhen rund um Winterberg grundlegend unterschied: in den Niederlanden.
Von Lenneplätze bis Groningen
Die Wege der Sauerländer Wanderhändler führten weit über die Heimat hinaus. Ein besonders wichtiges Absatzgebiet für die Holzwaren aus der Gegend um den Kahlen Asten waren die Niederlande.

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Auch Heinrichs Vettern Caspar und Clementius zog es dorthin. Aus ihren Handelswegen wurde schließlich ein neuer Lebensmittelpunkt: Sie ließen sich in der Provinz Groningen nieder, heirateten dort und blieben in den Niederlanden. Ob sie tatsächlich Löffel oder andere in Lenneplätze hergestellte Holzwaren verkauften, lässt sich bislang nicht nachweisen. Ihre Lebenswege zeigen jedoch, wie weit die Verbindungen aus dem winzigen Sauerländer Weiler reichten.
Als Heinrich 1886 in Lenneplätze starb, hatte sich die Welt der traditionellen Löffelschnitzer und Wanderhändler bereits stark verändert. Billige Gegenstände aus Steingut, Emaille und Blech hatten viele der alten Holzwaren verdrängt. An die Stelle der kleinen Hersteller traten zunehmend Fabriken und Großhändler.

