Die Ausreise
Ausreisewillige mussten zunächst einen Antrag auf Entlassung aus der preußischen Staatsbürgerschaft stellen. Sie hatten nachzuweisen, dass sie keine Schulden hinterließen, alle Steuern bezahlt und ihre Wehrpflicht erfüllt hatten. Außerdem waren ein gültiger Reisepass und ein polizeiliches Führungszeugnis erforderlich. Diese aufwändigen Formalitäten veranlassten viele, illegal über die Grenze zu fliehen.
Als Häfen dienten Bremerhaven und Hamburg, für illegale Auswanderer auch Le Havre, Antwerpen oder Rotterdam.
Bis etwa 1880 erfolgte die Überfahrt meist auf Segelschiffen und dauerte sechs bis zehn Wochen. Die meisten Passagiere reisten im Zwischendeck – beengt, ohne Tageslicht und Frischluft. Für Matratzen, Ess‑ und Waschgeschirr sowie Verpflegung mussten sie selbst sorgen. Krankheiten und psychische Belastungen waren häufig. Für die Reedereien war die Beförderung der Auswanderer ein lukratives Zusatzgeschäft, da sie die Rückfracht ersetzte, die zuvor aus Amerika nach Deutschland transportiert worden war.
Mit dem Einsatz von Dampfschiffen ab etwa 1860 verkürzte sich die Überfahrt auf sechs bis zehn Tage, was die Auswanderung erheblich erleichterte.
Ein Beispiel aus Eversberg
In Eversberg (Meschede) bot der begrenzte Lebensraum im 19. Jahrhundert nur etwa 1000 Einwohnern Existenzmöglichkeiten. Mit dem Aufkommen der Maschinen verlor das Kleingewerbe an Bedeutung, und viele Familien entschieden sich zur Auswanderung. Nachweislich verließen rund 20 % der Eversberger Bevölkerung im 19. Jahrhundert ihre Heimat. Die meisten reisten ordnungsgemäß mit gültigen Papieren, doch es gab auch illegale Auswanderer, deren Zahl sich naturgemäß nicht mehr belegen lässt.
Ein dokumentiertes Beispiel ist Laurenz Degenhard, geboren 1811 in Eversberg, Sohn eines Gerbereibesitzers. Nach dem Gymnasium studierte er Jura in Bonn, wurde 1831 wegen seines liberal‑politischen Engagements von der Universität verwiesen und setzte sein Studium in Heidelberg fort. Auch dort geriet er ins Visier der preußischen Behörden und entschied sich zur illegalen Auswanderung nach Baltimore (USA).
Er ließ sich später in St. Louis (Missouri) nieder, scheiterte zunächst als Makler, Advokat und Drucker, fand schließlich Arbeit bei der Post und wurde in der dortigen deutschen Gemeinschaft aktiv. Wann er starb, ist nicht bekannt.
Bemerkenswert ist der erhaltene Briefwechsel Degenhards mit seinen Verwandten in Deutschland. Darin wird deutlich, wie stark das Heimweh ihn bis zuletzt begleitete. Er hätte wohl gern zu den geschätzten 15 bis 20 % Rückkehrern gehört, die nach Jahren in der Fremde wieder nach Deutschland zurückkehrten.
Quellen :
Ursula Jung: Die Zeit der Auswanderungen, Stadtarchiv Meschede
https://www.meschede.de/fileadmin/Mediendatenbank/Downloads/Stadtarchiv/Die_Zeit_der_Auswanderungen.pdf
https://www.meschede.de/fileadmin/Mediendatenbank/Downloads/Stadtarchiv/Die_Zeit_der_Auswanderungen.pdf
Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Deutsche Einwanderung in die USA im 19. Jahrhundert
https://www.iwkoeln.de/fileadmin/publikationen/2016/280269/IW_PP_2016-7_Migration.pdf
Theodor Tochtrop: Westfälische Pioniere in den USA, in: De Suerlaender Heimatkalender 1965
https://sauerlaender-heimatbund.de/wp-content/uploads/2025/04/De_Suerlaender_Heimatkalender_1965.pdf
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