Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Wer vor gut 120 Jahren mit der Kleinbahn von Steinhelle (zwischen Olsberg und Assinghausen) nach Medebach unterwegs war, erlebte etwas höchst Ungewöhnliches: Der Zug wechselte unterwegs die Fahrtrichtung – und wenig später noch einmal. Ursache war keine Betriebsstörung, sondern die Topografie. Zwischen Küstelberg und Wissinghausen musste ein erheblicher Höhenunterschied überwunden werden. Die Erbauer entschieden sich deshalb für eine doppelte Spitzkehre.
Auf einem Teil der Strecke konnte die Lokomotive nicht an das andere Ende des Zuges umgesetzt werden. Der Zug wurde daher zeitweise geschoben beziehungsweise fuhr mit dem letzten Wagen voraus. Die doppelte Spitzkehre war eine außergewöhnliche technische Lösung und gilt für den damaligen Personenverkehr in Mitteleuropa als einmalig.
Ein Bahnanschluss für Medebach
Im 19. Jahrhundert lag Medebach verkehrsmäßig abseits. Während andere Orte längst von neuen Eisenbahnverbindungen profitierten, mussten Menschen und Waren aus dem Medebacher Raum weiterhin auf der Straße befördert werden. Entsprechend groß waren die Hoffnungen, die sich mit einem eigenen Bahnanschluss verbanden.
Eine normalspurige Eisenbahnlinie hätte jedoch nur mit erheblichem Aufwand gebaut werden können. Daher entschied man sich für eine Schmalspurbahn mit 750 Millimetern Spurweite. Sie ließ sich mit engeren Kurven durch das Gelände führen und war deutlich kostengünstiger zu errichten.
Die Gesellschaft „Kleinbahn Steinhelle–Medebach“ wurde vom preußischen Staat, dem Provinzialverband Westfalen und dem Kreis Brilon getragen. Für den Bau waren rund 1,2 Millionen Mark vorgesehen. Im Oktober 1901 wurde die staatliche Genehmigung erteilt.
Stück für Stück nach Medebach
Am 1. Mai 1902 nahm die Bahn zunächst den Betrieb zwischen Steinhelle und Niedersfeld auf. Sechs Wochen später wurde die Strecke bis Küstelberg verlängert. Genau ein Jahr nach der Eröffnung des ersten Abschnitts wurde schließlich die gesamte Strecke bis Medebach in Betrieb genommen.
Die Bahnstrecke war rund 36,3 Kilometer lang. Von Steinhelle führte sie durch das obere Ruhrtal über Assinghausen, Wiemeringhausen und Niedersfeld. Anschließend verlief sie durch das Hilletal hinauf nach Küstelberg und weiter über Wissinghausen, Deifeld, Referinghausen, Düdinghausen, Oberschledorn und Langeln bis nach Medebach. Mit etwa 662 Metern über dem Meeresspiegel lag der Bahnhof Küstelberg am höchsten Punkt der Strecke.
Zweimal die Richtung wechseln
Hinter Küstelberg stellte das Gelände die Erbauer vor eine besondere Herausforderung. Die Bahn musste von der Hochfläche hinunter in Richtung Wissinghausen geführt werden. Eine herkömmliche Streckenführung hätte große Schleifen oder umfangreiche Erdarbeiten erfordert.
Die Lösung bestand in zwei Spitzkehren. Der Zug fuhr zunächst in ein Ausziehgleis ein und wechselte dort die Fahrtrichtung. Wenig später wiederholte sich dieser Vorgang ein zweites Mal. Da die Gleisanlagen kein Umsetzen der Lokomotive ermöglichten, befand sich die Lok auf einem Teil der Strecke nicht an der Spitze des Zuges, sondern schob die Wagen vor sich her.
Bei Zügen aus Richtung Medebach wurde zwischen den beiden Kehren geschoben. In der Gegenrichtung rollte der Zug auf einem Abschnitt mit dem letzten Wagen voraus bergab.
Für die Fahrgäste dürfte dieses Manöver ein besonderes Erlebnis gewesen sein. Was heute wie ein eisenbahntechnisches Kuriosum erscheint, war damals eine praktische Lösung für die schwierigen Geländeverhältnisse des Hochsauerlandes.

