Eine alte Sage von Wildewiese
Aus: „Chronik der Freiheit Hagen“
(Modern nacherzählt)
Vor langer Zeit war die Gegend an der Sorpequelle noch von dichten Wäldern bedeckt. Zwischen Buchen und Eichen lebte eine alte Frau namens Tina. Der Sage nach gehörte sie zu den Sugambrern. Während die übrigen Angehörigen ihres Stammes ihre Heimat längst verlassen hatten, war Tina allein zurückgeblieben.
Einsam wohnte sie in einer Höhle am Berghang, sammelte Kräuter, Beeren und Honig, fing Forellen im Sorpebach und hielt ein Schaf, das auf einer kleinen Wiese oberhalb der Quelle weidete. Diese Wiese, so erzählt die Sage, hatten einst Tinas Stammesgenossen in mühsamer Arbeit geschaffen.
Tina galt als weise Frau. Die Menschen aus der Umgebung suchten ihren Rat, wenn sie Hilfe brauchten. Sie kannte die Heilkraft vieler Pflanzen und stellte daraus Salben und Tränke her. Manche hielten sie sogar für eine Seherin.
Eines Tages hörte Tharanta, die Tochter des sächsischen Anführers Thoras, von der alten Kräuterfrau. Neugierig geworden, wollte sie das Geheimnis ihres Lebens in der abgelegenen Höhle ergründen. Gegen Abend erreichte sie Tinas Behausung und verlangte Einlass. Doch die alte Frau verweigerte ihr den Zutritt. Tharanta ließ sich jedoch nicht abweisen. Im Zorn drängte sie Tina zurück. Die Alte stürzte, schlug mit dem Kopf gegen einen Stein und blieb bewusstlos liegen.
Tharanta betrat die Höhle. Über dem Feuer hing ein Kessel mit einer dunklen, übel riechenden Masse. Als sie Wasser hineingoss, schoss der siedend heiße Inhalt empor und verbrannte ihr Gesicht und ihre Hände schwer. Vor Schmerz außer sich verwüstete sie die Höhle. Sie riss die getrockneten Kräuter von der Decke, warf sie ins Feuer und zerstörte Tinas Vorräte. Schließlich sank sie erschöpft auf das Lager der alten Frau und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, hatten die Schmerzen etwas nachgelassen. Sie ging zur nahen Quelle, um ihren Durst zu stillen. Im klaren Wasser erblickte sie ihr Spiegelbild und erschrak zutiefst. Die Brandwunden hatten ihr Gesicht entstellt. Von Verzweiflung überwältigt kehrte sie zur Höhle zurück, nahm Tinas Leinengewand und erhängte sich an einem Ast vor dem Eingang.
Als Tharanta nicht heimkehrte, machte man sich auf die Suche nach ihr. Schließlich fand man ihren Leichnam. Von Tina jedoch fehlte jede Spur.
Nicht weit von Wildewiese entfernt lag der Ossenstein, der in der Sage als alte Thing- und Opferstätte der Sachsen erscheint. Dort sollen die Menschen ihre Sonnenwendfeuer entzündet und ihren Göttern Opfer dargebracht haben.
Auch nach Tinas Verschwinden versammelten sie sich dort. Man glaubte, die alte Frau sei schließlich doch ihrem fortgezogenen Stamm gefolgt. Für das geplante Bitt- und Sühneopfer suchten die Sachsen ein Opfertier. Als sie keines fanden, fingen sie schließlich Tinas umherirrendes Schaf ein.
Auf dem Weg zum Ossenstein folgte das Tier zunächst willig. Erst kurz vor der Opferstätte riss es sich plötzlich los. Wenig später fanden die Männer das Schaf zu Füßen seiner Herrin. Tina saß tot am kalten Opferstein; ihr Körper war bereits halb verwest.
Die Männer legten ihren Leichnam auf eine Bahre aus Zweigen und trugen ihn zurück nach Wildewiese. Am folgenden Tag begruben sie Tina in ihrer Höhle und ließen diese über dem Grab einstürzen.
Mit den Jahren bedeckten Laub, Büsche und Bäume die Stelle. Bald konnte niemand mehr erkennen, wo sich einst die Höhle der alten Kräuterfrau befunden hatte. Auch die von den Sugambrern geschaffene Wiese verwilderte allmählich. Erst als später in den umliegenden Wäldern Eisenerz entdeckt wurde, siedelten sich wieder Menschen in der Gegend an.

