Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Wer beim Namen „Goldader“ an ein Goldvorkommen denkt, liegt zunächst falsch – und doch steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Die Goldader aus Brilon-Nehden war tatsächlich ein kostbarer Schatz des Sauerlandes. Allerdings bestand sie nicht aus Edelmetall, sondern aus einem außergewöhnlich dichten Kalkstein, der wegen seiner hervorragenden Polierfähigkeit als westfälischer Marmor bekannt wurde.
Die Nehdener Goldader war dabei nur eine von mehreren bedeutenden Lagerstätten. Westfälischer Marmor wurde unter anderem bei Nehden, Alme, Warstein, Messinghausen, Schüren und Kallenhardt gewonnen. Jeder Steinbruch brachte Gesteine mit einer eigenen Farbgebung und Maserung hervor. Besonders bekannt wurden die Nehdener Goldader und der Caller Marmor aus Kallenhardt. Über Jahrhunderte prägten sie die Bau- und Kunstgeschichte des Sauerlandes und fanden Verwendung in Schlössern, Kirchen und repräsentativen Gebäuden weit über die Region hinaus. Bauwerke wie Schloss Herdringen oder Haus Dassel zeugen bis heute von der Schönheit dieses heimischen Natursteins.
Von Nehden aus trat der Stein sogar seinen Weg in die Welt an. Ziele wie Beirut, Jerusalem, Havanna, New York und Amsterdam sind aus den Unterlagen der Firma Dassel aus Warstein-Allagen ersichtlich.
Geologisch gesehen handelt es sich allerdings nicht um echten Marmor wie den berühmten Carrara-Marmor aus Italien. Westfälischer Marmor ist ein besonders dichter Kalkstein, der sich hervorragend schleifen und polieren lässt. Seine elegante Maserung, seine Härte und sein natürlicher Glanz machten ihn seit Jahrhunderten zu einem begehrten Werkstein für Altäre, Säulen, Treppenhäuser, Kamine und repräsentative Innenräume.
Nach Unterlagen der Firma Dassel aus Allagen wurden Marmorsäulen aus der Nehdener Goldader unter anderem für die Ausstattung der ältesten Synagoge in Beirut gefertigt. Auch Altäre für Missionskirchen in Jerusalem entstanden aus Sauerländer Marmor. Selbst die spanische Botschaft in Havanna erhielt Bauteile aus der Goldader. Dass ein Naturstein aus einem kleinen Sauerländer Dorf seinen Weg bis in den Nahen Osten und in die Karibik fand, dürfte heute wohl nur noch wenigen bekannt sein.
Ein Meer vor 370 Millionen Jahren
Die Geschichte der Goldader begann lange vor den Menschen. Vor rund 370 Millionen Jahren lag das heutige Sauerland unter einem tropischen Flachmeer. Korallen und Stromatoporen bildeten dort mächtige Riffe, in denen viele andere Meereslebewesen lebten. Aus diesen Riffen entstand später der sogenannte Massenkalk.
Anders als echter Marmor wurde dieses Gestein später nicht durch hohen Druck und große Hitze im Erdinneren umgewandelt. Deshalb sind die Fossilien der damaligen Meeresbewohner bis heute erhalten geblieben. Nach dem Schleifen und Polieren werden Korallen, Stromatoporen – ausgestorbene schwammähnliche Riffbildner – und andere Fossilien als faszinierende Muster im Stein sichtbar. Gerade diese urzeitlichen Spuren verleihen dem westfälischen Marmor seinen besonderen Reiz.
Charakteristisch für die Nehdener Goldader ist ihr grau-schwarzes Grundgestein, das von kräftigen weißen, teilweise rötlich getönten Calcitadern durchzogen wird. Diese markanten Adern gaben dem Stein seinen Namen und machten ihn zu einem der begehrtesten Werksteine des Sauerlandes.
Der Marmorbruch Balthasar
Abgebaut wurde die Goldader im Marmorfeld Balthasar an der Straße zwischen Nehden und Alme. Bereits 1858 ließ Graf von Bocholt das Grubenfeld muten und erhielt das Bergeigentum. Später ging es an Graf von Spee über. Die Firma Dassel aus Allagen pachtete den Steinbruch und machte die Nehdener Goldader weit über das Sauerland hinaus bekannt.
Im Steinbruch arbeiteten überwiegend Männer aus Nehden. Gesprengt wurde bewusst nicht, denn jede Erschütterung hätte die Qualität des Natursteins beeinträchtigt. Mit Hacken, Keilen und viel Muskelkraft lösten die Arbeiter die gewaltigen Gesteinsblöcke aus dem Fels. Manche von ihnen wogen bis zu 40 Tonnen. Anschließend wurden sie nach Allagen transportiert, wo Steinmetze daraus in mühevoller Handarbeit Säulen, Bodenplatten, Fensterbänke, Altäre und Denkmäler fertigten. Von dort aus gingen die Werkstücke auf Reisen – in Kirchen, Schlösser und öffentliche Gebäude im In- und Ausland.
Zeitzeugen berichten, dass die Pacht der Grube schließlich nicht verlängert wurde. Der damalige Eigentümer, Graf von Spee, soll sich durch den Steinbruchbetrieb bei seiner großen Leidenschaft – der Jagd – gestört gefühlt haben.
Ein fast vergessenes Erbe
Westfälischer Marmor wurde vom 17. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre im Sauerland gewonnen. Heute sind die meisten Steinbrüche verfüllt oder vom Wald überwachsen und kaum noch zu erkennen. Nur wenige Spuren erinnern daran, dass hier einst ein Naturstein von internationalem Rang gebrochen wurde.
Westfälischer Marmor
Der Landschaftsverband Westfalen‑Lippe (LWL) erforscht die alten Abbaustellen. Mithilfe historischer Bergwerksakten konnten ehemalige Steinbrüche lokalisiert werden. Außerdem untersuchen die Wissenschaftler, in welchen historischen Gebäuden der westfälische Marmor verbaut wurde.
Quellen:
https://www.lwl-naturkundemuseum-muenster.de/de/wissenschaft/forschung/forschungsprojekte-geologie-und-palaontologie/der-westfalische-marmor/
https://www.hausdassel.de/stein-im-haus/

