Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen
Text: Christel Zidi
Als Dechant Hoeynck im Jahr 1741 in Wenden auftauchte, einem recht beschaulichen Dorf im südlichen Sauerland, hatte er vermutlich nicht nur sein Gebetbuch im Gepäck, sondern auch ein Stirnrunzeln im Gesicht. Der Mann war nämlich auf einer Mission des Erzbischofs von Köln unterwegs. Bei seinen Visitationen sollte er, wie es hieß, „spitzbübische Sauerländer Gepflogenheiten aufzuspüren und auszumerzen“.
Und die Sauerländer? Die hatten offenbar ein Talent dafür, aus jeder noch so frommen Tradition ein kleines Volksfest zu machen. Allein das „Neujahrsanschießen“ und das fröhliche „Maibaumsetzen“ entpuppten sich – laut Hoeynck – als Einfallstore für Tanz, Trunk und allerlei Ärgernis. Kurz: Wenn irgendwo im Kirchspiel Musik erklang, war der Pfarrer meist nicht weit. Oder schon da.
Also erließ der Dechant sinngemäß das erste sauerländische Anti-Party-Gesetz:
„Verboten! Und zwar unter Strafe! Basta!“ (Man hört förmlich, wie irgendwo ein enttäuschter Dorfmusikant seine Fiedel zuklappt.)
Als Visitator war Dechant ungefähr das, was heute eine Mischung aus Prüfungskommission, Innenrevision und sehr neugierigem Nachbarn wäre. Seit der Reformation wollte die katholische Kirche nämlich sicherstellen, dass keine „lutherischen Irrlehren“ in die Kirchen krochen, die Pfarrer nicht völlig ungebildet durchs Leben gingen und die Gemeinden nicht mehr sündigten als unbedingt nötig.
Dafür gab es ab 1715 sogar Fragebögen mit 133 Punkten. Auf Latein. Wer sie ausfüllen konnte, hat zumindest schon mal den nötigen Bildungsstand.
Da viele Pfarrer versuchten, sich durch „kreative Auslegung der Realität“ einen guten Eindruck zu verschaffen, reisten die Visitatoren gelegentlich selbst an. Und das war meist der Moment, in dem die katholische Ordnung auf die sauerländische Lebenswirklichkeit traf – also auf Bier, Brauchtum und Bauernlogik.
Bei diesen Visitationen kam so einiges ans Licht: Da gab es den Pfarrer, der sich „ein Pferd hinweggenommen“ hatte, weil es wohl so traurig ohne ihn gewesen wäre. Ein anderer, der seine Kirchenrechnung bei einem Trinkgelage im Wirtshaus erledigte – wahrscheinlich, weil Zahlen mit Bier einfach runder aussehen. Und es gab den Pfarrer aus dem Kreis Olpe, der den Ostermontag verlängert hatte, nicht mit Beten, sondern übermäßigem Trinken – und dann am nächsten Morgen trotzdem die Messe hielt. Ohne zuvor gebeichtet zu haben, unvorbereitet und vermutlich sehr dehydriert.
Und natürlich das große Dauerthema: Pfarrer und Konkubinen. Im 17. Jahrhundert wurden hierfür sogar „Mittelsmänner“ abgestellt, um die Damen einzusammeln – ein Job, um den man niemanden beneidet haben dürfte. Von einem Pastor ist bekannt, dass er 50 Reichstaler für dieses Vergehen zahlen musste. Seine Konkubine wurde dafür stundenlang an den Pranger gestellt. Frei nach dem Motto: „Strafe muss sein – aber bitte öffentlich, damit jeder was davon hat!“
Wenn Sie jetzt meinen, dies sei doch eine fiktive Erzählung, dann lesen Sie einmal einen Bericht der LWL-Mitarbeiterin Julia Börger im Internetportal „Westfälische Geschichte“.
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