Text. Sabina Butz
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Wer sich heute eine Wohnung oder ein kleines Häuschen zulegen möchte und dabei auf eher bescheidene Finanzen angewiesen ist, wird auf einige Annehmlichkeiten wie überdachte Terrassen, energiesparende Heizgeräte, Swimmingpool oder Sauna verzichten müssen. Ganz selbstverständlich sind jedoch elektrisches Licht, fließend Wasser und ein Schornstein. Im Mittelalter im Sauerland war das völlig anders:
Rauchhäuser – Wohnen im Mittelalter
Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts finden wir im Sauerland die sogenannten Rauchhäuser (auch Hallen- oder Wohnstallhäuser). Im Hochmittelalter (ca. 1300–1500) existierten schätzungsweise 13.000 bis 15.000 solcher Gebäude. Etwa 80 % der Familien lebten darin, denn für die unteren Bevölkerungsschichten der landwirtschaftlich geprägten Region gab es kaum Alternativen.
Ein Rauchhaus hatte etwa 40 bis maximal 80 m² Grundfläche und wurde durchschnittlich von acht Familienmitgliedern bewohnt. Zusätzlich lebten sämtliche Nutztiere mit im Haus.
Wie lebte man in einem Rauchhaus?
Die Einteilung folgte einem festen Schema: Vorne: die Tiere, hinten: die Menschen. Trennwände gab es nicht. Die Körperwärme der Tiere diente den Menschen als kostenlose Heizung, und die Tiere waren gleichzeitig gut geschützt. Wasser musste aus Brunnen, Flüssen oder Bächen geholt und ins Haus getragen werden. Der Tagesablauf richtete sich nach Sonnenauf- und -untergang. Künstliche Lichtquellen waren teuer oder unangenehm: Bienenwachs war für kleine Bauern unerschwinglich. Talglichter aus Rinder- oder Hammelfett rochen stark und rußten. Das Licht des einfachen Volkes war der Kienspan – ein harzreiches Stück Kiefernholz, das etwa 15 Minuten brannte und stark rauchte.
Rauchhäuser hatten keinen Schornstein. Der Rauch des Ofenfeuers sammelte sich unter dem geschlossenen Dach – das gesamte Haus war im übertragenen Sinn eine große Räucherkammer. Schinken und Wurst wurden unter dem Dach geräuchert. Der Rauch vertrieb Ungeziefer wie Milben und Läuse – allerdings nur im Dachbereich. Am Boden tummelten sich weiterhin Flöhe, Läuse und Ratten.
Die Lebensbedingungen waren insgesamt äußerst kritisch: Hohe Brandgefahr, Krankheiten; beides verkürzte die Lebenserwartung der Landbevölkerung erheblich.
Schornsteine beenden die Rauchhaus-Ära
In den Städten wurde das Errichten offener, schornsteinloser Feuerstätten bereits im 17. und 18. Jahrhundert verboten. Ab 1816 verstärkte die preußische Verwaltung die Schornsteinpflicht. Im 19. Jahrhundert wurde sie schließlich auch auf die ländlichen Dörfer übertragen. Der Schornsteinfeger kontrollierte die Einhaltung dieser regionalen und provinziellen Brandschutzverordnungen. Erst 1930 fasste man die vielen Einzelregelungen in modernen Bauordnungen zu einem einheitlichen Standard zusammen.
Die Rauchhäuser hielten sich gleichwohl noch eine lange Zeit im Sauerland. Das lag weniger an einem offenen Widerstand gegen die Schornsteinpflicht, als vielmehr daran, dass sich eine über Jahrhunderte bewährte Bauweise nicht so einfach ändern ließ. Schließlich siegte die Vernunft: Schornsteine dienten dem dringend erforderlichen Brandschutz. Leider bedeuteten sie aber auch den Verzicht auf unter dem Dach geräucherte Wurst und Schinken.
Weiterführende Literatur
Sauerland-Museum (Arnsberg)
DampfLandLeute-Museum (Eslohe)
Stertschultenhof (Cobbenrode)
Maria Roerig: Haus und Wohnen in einem sauerländischen Dorfe
Josef Schepers: Haus und Hof westfälischer Bauern
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