Ein Drittel der Bürger waren Schuhmacher
Wie bedeutend das Schuhmacherhandwerk für Medebach geworden war, zeigt eine bemerkenswerte Quelle aus dem Jahr 1725.
Damals verlangte die Schuhmacherzunft, dass auswärtige Schuhmacher auf den Jahrmärkten im Herzogtum Westfalen nur gegen Zahlung einer Gebühr verkaufen durften. Rat und Bürgermeister unterstützten diese Forderung ausdrücklich. Als Begründung führten sie an, dass die Schuhmacher rund ein Drittel der Medebacher Bürgerschaft ausmachten. Dieser hohe Anteil verdeutlicht, dass die Schuhmacherei längst zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt geworden war.
1777 wurden die Verkaufsrechte auswärtiger Schuhmacher auf den Märkten stärker eingeschränkt. Die Medebacher Schuhmacherzunft wollte damit ihre Mitglieder vor der Konkurrenz fremder Handwerker schützen und ihren eigenen Absatz sichern. Rat und Bürgermeister unterstützten diese Maßnahmen, da das Schuhmacherhandwerk zu den wichtigsten Erwerbszweigen der Stadt gehörte.
Medebacher Schuhe auf fremden Märkten
Dass die Medebacher Schuhmacher ihre Erzeugnisse nicht nur in der eigenen Stadt verkauften, belegen Akten des waldeckischen Archivs.
Bereits 1708 beschäftigte sich die Regierung mit Beschwerden über den Schuhhandel der Medebacher. Es ging um Einschränkungen ihres freien Verkaufs auf waldeckischen Märkten. Weitere Streitigkeiten folgten 1711, 1777 sowie im frühen 19. Jahrhundert. Immer wieder stritten die Schuhmacher aus Medebach, Korbach und anderen Städten über Marktrechte, Gebühren und die Zulassung auswärtiger Händler.
Diese Auseinandersetzungen zeigen, dass Medebacher Schuhe weit über die Stadtgrenzen hinaus verkauft wurden und auf den Märkten der Nachbarterritorien eine ernst zu nehmende Konkurrenz darstellten.
Schuhe schon im Mittelalter?
Ob bereits die Fernhändler des 12. Jahrhunderts Schuhe aus Medebach bis an die Ostsee oder in die Rus brachten, lässt sich bislang nicht nachweisen. Die Quellen nennen keine Waren.
Dennoch spricht vieles dafür, dass sich die Schuhmacherei über mehrere Jahrhunderte zu einem der wichtigsten Erwerbszweige der Stadt entwickelte. Die außergewöhnlich hohe Zahl der Schuhmacher, ihre starke Zunft und die zahlreichen Streitigkeiten um Marktrechte zeigen, welche wirtschaftliche Bedeutung das Handwerk für Medebach schließlich gewann.
Aus der Fernhandelsstadt des Mittelalters war eine Stadt der Schuhmacher geworden. Über Generationen prägten sie das Wirtschaftsleben Medebachs – und ihre Erzeugnisse fanden weit über die Grenzen des Herzogtums Westfalen hinaus Käufer.
Der bronzene Schuster auf dem Medebacher Marktplatz erinnert heute an dieses Kapitel der Stadtgeschichte. Er steht stellvertretend für Generationen von Handwerkern, deren Arbeit das Wirtschaftsleben Medebachs prägte und den Ruf der Stadt weit über ihre Grenzen hinaustrug.
Quellen:
https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/txt/wz-5500.pdf
Wilfried Reininghaus: Die Zünfte im Herzogtum Westfalen
Urkunde Nr. 55, Seite 73 seines Urkundenbuchs zur Landes- und Rechtsgeschichte des Herzogtums Westfalen (1839).
Urkundenbuch der Stadt Lübeck. Codex diplomaticus Lubecensis. 1. Abteilung, Band I (1139–1300).
Bunge, Friedrich Georg (Hrsg.): Liv-, Esth- und Curländisches Urkundenbuch nebst Regesten. 1. Abteilung, Band II (1301–1367). Reval: Kluge und Ströhm, 1855, S. 437.
[1] Die Rus (auch Kiewer Rus) war ein mittelalterliches Reich in Osteuropa mit dem Zentrum in Kiew. Es umfasste Teile der heutigen Ukraine, Belarus und des westlichen Russlands. Der Begriff ist nicht mit dem heutigen Staat Russland gleichzusetzen.
[2] Ein Wrasenmeister war ein Handwerker, der tierische Schlachtabfälle wie Fett, Knochen und Häute verwertete. Da er offenbar auch Arbeiten übernahm, die nach Auffassung der Schuhmacher den Weißgerbern zustanden, kam es 1604 zum ersten bekannten Streit mit der Medebacher Schuhmacherzunft.

