Text: Christel Zidi
Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen
„Ruft den Johannes, den Chirurgus!“
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Berufsbild des Chirurgen noch weit entfernt von dem eines modernen Arztes. Chirurgen des 18. Jahrhunderts waren keine ausgebildeten Mediziner, wie wir sie heute kennen, sondern vor allem Wundärzte und Handwerker. Sie besaßen praktische Fähigkeiten, die im ländlichen Leben von entscheidender Bedeutung waren:
- Wunden und Brüche nähen und schienen
- Aderlass, ein häufiger medizinischer Eingriff
- Zahnziehen, oft ohne Betäubung
- Schröpfen, um „schlechte Säfte“ aus dem Körper zu ziehen
- Behandlung von Verbrennungen, Schnittwunden und Tierbissen
- Versorgung von Knochenbrüchen und Verrenkungen
- In schwerwiegenden Fällen sogar Amputationen
Gelegentlich musste der Chirurgus auch in benachbarte Dörfer reisen, wenn Not am Mann war. Doch von seinen Einkünften als Wundarzt allein konnte Johannes keine Familie ernähren. So verbrachte er den Großteil seiner Zeit auf dem Acker und im Stall des Clemens-Hofs. Hier war er durch seine Heirat mit Anna Clemens aus Westfeld heimisch geworden und trug nun auch den Hofnamen.
Die Arbeit auf dem Feld und im Stall wurde immer wieder von medizinischen Notfällen unterbrochen. Wenn im Dorf jemand verletzt wurde oder schwer erkrankte, hieß es schnell: „Ruft den Johannes, den Chirurgus!“ Dann packte er seine Ledertasche mit den nötigen Instrumenten und machte sich, oft auf holprigen Wegen, auf den Weg nach Oberkirchen, um einem verzweifelten Hilferuf zu folgen. Manchmal kehrte er vom Feld zurück, nur um kurze Zeit später zu einem verletzten Knecht zu eilen, der sich bei der Arbeit einen Unfall zugezogen hatte. Johannes sorgte auf diese Weise mehrfach dafür, dass das Leben der Dorfbewohner gerettet wurde.
Johannes wuchs in Obersorpe auf, einem kleinen Sauerländer Dorf, das von harter Arbeit geprägt war. Früh lernte er, mit Acker und Werkzeug umzugehen. Vielleicht entwickelte er sein Talent für die Heilkunst ursprünglich im Stall, wenn er Kälbern zur Welt verhalf oder verletzte Tiere versorgte. Die Verwundbarkeit von Menschen und Tieren war damals sehr nah beieinander.
Im Jahr 1723 heiratete Johannes in Oberkirchen und gründete eine Familie. Seine Frau Anna war die Erbin des Clemens-Hofs in Westfeld, wohin er mit ihr zog. Dort bewirtschaftete er Land und führte als Ackermann ein solides, auskömmliches Leben. Der Hof in Westfeld wurde für ihn sowohl wirtschaftliche Grundlage als auch Mittelpunkt seines Lebens.
Seine kräftigen Hände waren fähig, Bretter zu spalten und Erde zu wenden – doch sie waren auch erstaunlich behutsam. Dieses Talent blieb nicht unbemerkt, und schon bald vertrauten ihm viele Dorfbewohner.
Im 18. Jahrhundert gab es im Sauerland nur wenige ausgebildete Ärzte, und viele abgelegene Bauernhöfe waren für sie nicht erreichbar. Deshalb entstanden aus den Dörfern praktische Heiler, die ihre Fähigkeiten von fahrenden Barbieren, Militärchirurgen oder erfahrenen Wundärzten lernten. Durch Beobachtung, Übung und Erfahrung erlangten sie ihr Wissen und ihren Ruf. Ihr Ansehen wuchs mit jeder erfolgreichen Behandlung.
Johannes wurde gerufen, wenn sich ein Holzfäller die Hand aufgeschnitten hatte, ein Kind vom Wagen gefallen war, ein Bauer sich einen Arm gebrochen hatte, eine Infektion behandelt werden musste, ein Zahn entzündet war oder ein Aderlass nötig war. Ohne Betäubung, nur mit seinem Können, half er den Menschen. Viele vertrauten ihm mehr als den reisenden Badern, denn er war einer von ihnen – ein Mann aus Westfeld, den alle kannten und dem sie vertrauten.
FAKTEN
Johannes Röttger-Clemens wurde 1695 in Obersorpe geboren.
Er heiratete Anna Clemens aus Westfeld. Im Heiratseintrag von 1759 wird sein Beruf als „Chyrurgus“ erwähnt.
Bild ki-generiert by Microsoft Copilot

