Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Im Mittelalter bestanden in Meschede zwei selbstständige Pfarreien: die Stiftskirche St. Walburga und die Kirchspielkirche „Mariä Himmelfahrt et St. Johanni“ (kurz: Marienkirche). Beide lagen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Die Stiftskirche befand sich an ihrem heutigen Standort, während die Kirchspielkirche im Rebell stand – ungefähr dort, wo später der Parkplatz der alten Post lag. Auch die Ursprünge der Marienkirche reichten vermutlich bis in die karolingische Zeit zurück.
In der Stiftskirche, die zum adeligen Damenstift und später zum Kanonikerstift gehörte, prägte das geistliche Leben des Stifts den Alltag. Die Kirchspielkirche hingegen war die Pfarrkirche für die „normalen“ Menschen der „Freiheit Meschede“ und des Umlands. Die Trennung war jedoch nicht strikt: Auch Angehörige der Stadtpfarrei besuchten Gottesdienste in der Stiftskirche.
Wie Kaplan F. Brügge 1896 berichtete, unterschieden sich die Zuständigkeiten der beiden Kirchen deutlich. In der alten Kirchspielkirche befand sich der einzige Taufstein; nur hier durfte getauft und getraut werden. Beide Kirchen verfügten jedoch über eigene Friedhöfe: der der Kirchspielkirche lag rund um das Kirchengebäude, der der Stiftskirche auf dem Kirchhof.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts verfiel die alte Marienkirche zunehmend und wurde 1683 schließlich abgebrochen. Bis zur Fertigstellung des Neubaus fanden die Gottesdienste in der Stiftskirche statt. Erst fünf Jahre später, 1688, war der Neubau so weit vollendet, dass wieder reguläre Gottesdienste möglich waren.
Das Ende der Marienkirche
1787 vereinigte der Kurfürst und Erzbischof von Köln beide Pfarreien und bestimmte die Stiftskirche zur gemeinsamen Pfarrkirche. Damit endete die Geschichte der alten Marienkirche als eigenständiges Gotteshaus. Das nicht unbeträchtliche Vermögen der Marienkirche sowie das Pfarrhaus gingen an das Stift über.
Das frühere Kirchengebäude wurde zunächst als Schule genutzt, 1838 jedoch abgebrochen und an seiner Stelle das spätere Schulhaus errichtet. Diese sogenannte „alte Schule“ diente zeitweise sogar als Zigarrenfabrik und wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Als im Norden Meschedes die neue Marienkirche, die Pfarrkirche „Mariä Himmelfahrt“, entstand, legten Ausschachtungsarbeiten die Grundmauern der alten Kirchspielkirche frei. Die mächtigen Fundamente der ehemaligen Nordwand mussten 1952 wegen der neuen Straßenführung und umfangreicher Erdarbeiten entfernt werden. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Stärke gelang dies nur durch wiederholte Sprengungen mit Dynamit.
Heute erinnert oberirdisch nichts mehr an die ehemalige Pfarrkirche. Nur historische Quellen und archäologische Funde bewahren die Erinnerung an dieses bedeutende Gotteshaus.
Bild oben: Ausschnitte eines Gemäldes von Meschede (vor 1839)
Links neben der Walburga-Kirche ist die Marienkirche zu sehen.
Foto: Hans-Peter Grumpe, Foto-Archiv-Meschede
Quellen:
https://www.meschede.de/fileadmin/Mediendatenbank/Downloads/Stadtarchiv/Geschichtliches_ueber_die_Mescheder_Kirchen.pdf
„Mescheder Zeitung“ Nr. 2 aus dem Jahre 1924.
Westfalenpost Nr. 231 vom 03.10.1953

