Text: Sabina Butz
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung

Niedermarpe, heute ein Ortsteil von Eslohe mit weniger als 50 Einwohnern, verdankt seinen Namen dem vordeutschen Gewässernamen Marpe und dem vorangestellten „Nieder“ zur Unterscheidung von der oberhalb liegenden Siedlung Obermarpe. Der Name bedeutet schlicht: „die tiefer gelegene Siedlung am Sumpfbach“.

Die historischen Wurzeln dieser Siedlung liegen im 13. Jahrhundert und stehen in Verbindung mit dem Adelsgeschlecht von Marpe, das 1296 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Um 1300 trugen die Gebrüder Heidenricus und Sesemann von  Marpe ihre Güter im Marpetal dem Grafen von Arnsberg zu Lehnsrecht auf. 1513 wird das Gut Niedermarpe in einer Lehnsurkunde schriftlich erwähnt; es bestand damals aus drei abgabepflichtigen Höfen. Niedermarpe entstand somit nicht als geplante Siedlung, sondern als landwirtschaftliche Rittersiedlung des 13. Jahrhunderts.

Die St.-Vinzenz‑Hofkapelle in Niedermarpe

1680 errichtete der Gutsbesitzer Hermann Pape die St.-Vinzenz‑Hofkapelle zu Ehren des heiligen Vinzenz von Saragossa. Vinzenz von Saragossa (auch Vinzenz von Valencia genannt) lebte im späten 3. Jahrhundert und starb 304 n. Chr. in Valencia an den Folgen der Folterungen als Märtyrer.

Behauener Stein an der Kapelle mit dem Jahr der Grundsteinlegung.

Foto: Harald Linden, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Schon bald nach seinem Tod entstanden zwei berühmte Legenden: Raben hätten seinen Leichnam auf einem freien Feld gegen Wölfe und Geier verteidigt. Als er daraufhin in die Haut eines Ochsen genäht und mit einem Stein beschwert ins Meer geworfen worden sei, sei der Körper nicht untergegangen, sondern an den Strand von Valencia zurückgeschwommen, wo er würdig bestattet wurde.

Diese Legenden verbreiteten sich rasch und machten ihn zum Patron der Seefahrer. Außerdem wurde er Schutzpatron der Winzer und Weinhändler, da sein Name im Französischen an l’ami du vin („Freund des Weines“) erinnert. Auch Holzfäller, Dachdecker, Töpfer und Ziegelbrenner verehrten ihn. Er galt als Helfer beim Wiederfinden gestohlener Sachen sowie bei Körperschwäche und Darmkrankheiten und zählt zu den bekanntesten Märtyrern der frühen spanischen Kirche.

Wie der hl. Vinzenz ins Sauerland kam, ist gut belegt: Im Frühmittelalter brachte der merowingische Frankenkönig Childebert I. von einem Feldzug nach Saragossa die Tunika des Heiligen als Reliquie nach Paris. Jahrhunderte später verbreiteten fränkische Missionare und Klostergründer seine Verehrung in den christianisierten Gebieten. Im Hochmittelalter blühte der Reliquienkult im Erzbistum Köln auf; Partikel des hl. Vinzenz gelangten in den deutschen Raum und damit auch ins Sauerland. Ein Beispiel ist die Pfarrkirche St. Vincenz in  Menden (Märkischer Kreis).

Für Niedermarpe spielten sowohl der Adel als auch der Einfluss der nahegelegenen Klöster  – Grafschaft und Stift Meschede  –  eine bedeutende Rolle. Auch die Reiselust der Adelsfamilie von  Marpe könnte Einfluss gehabt haben: Der ländliche Adel im Sauerland stiftete häufig Altäre für Heilige, die er auf Reisen kennengelernt hatte. Als Hermann Pape 1680 die Kapelle neu errichtete, wählte er den Heiligen Vinzenz nicht nur als Glaubensvorbild, sondern auch als handfesten Nothelfer.

Foto oben: Friedhelm Dröge, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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