Text: Sabina Butz
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Ein Arztbesuch ist heute selbstverständlich, wohnortnah und organisatorisch unkompliziert. Vor 1900 war die Situation im Sauerland grundlegend anders. Zwar gab es seit dem Spätmittelalter akademisch ausgebildete Ärzte, doch diese wirkten fast ausschließlich als Leibärzte an den kurkölnischen Residenzen oder in wohlhabenden Städten. Eigene Universitäten existierten im Sauerland nicht; angehende Mediziner studierten an Hochschulen wie Köln (gegründet 1388) oder an Universitäten anderer katholischer Territorien.
Für die landwirtschaftlich geprägte Bevölkerung des Herzogtums Westfalen bestand faktisch kein Zugang zu studierten Ärzten. Die medizinische Versorgung lag in den Händen handwerklicher Heilberufe und der Laienmedizin. Dazu gehörte die häusliche Selbstversorgung mit überliefertem Wissen über Heilkräuter, Tees, Wickel und Salben, das überwiegend von Frauen weitergegeben wurde. Hebammen – meist erfahrene Mütter – übernahmen die Geburtshilfe.
Zu den wichtigsten medizinischen Handwerkern zählten Barbiere und Bader. Sie führten die sogenannte „niedere Chirurgie“ aus: Zahnziehen, Öffnen eitriger Abszesse und den damals weit verbreiteten Aderlass. Wundärzte, häufig mit militärischer Ausbildung, behandelten Knochenbrüche und führten Amputationen durch.
Selbsternannte Heiler
Neben den anerkannten Handwerkern existierte eine breite Gruppe nicht ausgebildeter Heilkundiger: Quacksalber, Kurpfuscher, Scharlatane, Marktschreier, Medikaster und Salbader. Sie boten Mittel und Methoden an, die selten wirksam und oft gefährlich waren.
Eine besondere Rolle spielten Schäfer und Hirten. Sie wurden sowohl bei Tierkrankheiten als auch bei menschlichen Beschwerden konsultiert – vermutlich aufgrund ihrer praktischen anatomischen Kenntnisse aus der Tierhaltung.
Zeitbedingte Einflüsse
Das Mittelalter war geprägt von Aberglauben und magischen Erklärungsmodellen. Naturkatastrophen, Seuchen, Kriege, hohe Kindersterblichkeit und Krankheiten führten zu Deutungen, die auf Dämonenglauben und magische Kräfte zurückgriffen. Schutzrituale sollten Unheil abwehren: Bibelverse, Zeichen, Amulette, Talismane sowie Steine, Pflanzen und Tierknochen wurden am Körper getragen.
Krankheiten galten häufig als göttliche Strafen, Teufelswerk oder Hexerei. Das kurkölnische Herzogtum Westfalen zählt zu den Regionen mit besonders intensiven Hexenverfolgungen. Die kirchliche Beteiligung war erheblich, auch wenn Klöster in der medizinischen Versorgung durchaus eine wichtige Rolle spielten.
Aberglaube prägte den Alltag tief. Einzelne Vorstellungen – etwa die schwarze Katze als Unglückszeichen – haben sich im Sauerland bis heute erhalten.
Quellen:
Wiegelmann, Günter (Hrsg.): Volksmedizin in Nordwestdeutschland
Schauerte, Heinrich: Brauchtum des Sauerlandes
Hömberg, Albert K.: Kirchliche und weltliche Rechts- und Kulturgeschichte des Sauerlandes
Karl-Heinz Leven: Geschichte der Medizin

