Text: Christel Zidi

Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung

In Nordernau, so ist es in der „Trutznachtigall“ zu lesen, gab es zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur einen einzigen Zylinder. Wer heiraten und dabei standesgemäß aussehen wollte, musste ihn sich leihen.

Dem Bernard Adam Schlüter aus Brilon stand wohl schon eine größere Auswahl zur Verfügung, als er 1846 Anna Christina Martina heiratete. Doch Zylinder waren auch in der Hansestadt nicht gerade preiswert. Ob sich der Handwerker einen solchen leisten konnte, ist eher fraglich; wahrscheinlicher ist, dass – falls er überhaupt einen trug – sich diesen auslieh.

Zur Hochzeit trug man im Sauerland des 19. Jahrhunderts als Bräutigam einen schwarzen Anzug und einen  (geliehenen Zylinder), während seine Braut ein schwarzes Kleid mit einem großen seidenen Schultertuch und eine weiße Tüllmütze aus Spitze trug.

Die Hochzeit war nur ein kurzer Moment festlicher Pracht in einem Leben, das von harter Arbeit und Tradition geprägt war. Bernard war Blaufärber, und sein Handwerk bestimmte seinen Alltag. Die Stoffe, die er färbte, bestanden meist aus Leinen – robust, dunkel und besonders gern blau. Zunächst nutzte er Waid, einen Pflanzenfarbstoff aus den Blättern der Waidpflanze, bevor Indigo aus Übersee die Färberwelt eroberte.

Die Arbeit war mühsam: Die Färbeküpen rochen stark, die Stoffe mussten mehrfach eingetaucht werden, und erst an der Luft nahm das Leinen sein tiefes Blau an. Haut und Kleidung der Blaufärber färbten sich oft dauerhaft, und die Werkstätten waren heiß und feucht. Meist arbeiteten Blaufärber in Familienbetrieben, in denen das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Die Tracht der Sauerländer
Der blaue Kittel war bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Tracht der Männer aus dem Sauerland. Sonntags bestand er aus hellerem Stoff und war auf den Schultern mit schwarzen Stickereien aus Ätz- oder Seidengarn verziert; in manchen Regionen, zum Beispiel im Wittgensteiner Land, waren die Stickereien weiß.

Anfang der 1860er Jahre verdrängte der Einfluss der Geistlichen den Kittel als Sonntagskleidung, doch bis gegen Ende des Jahrhunderts blieb er als Alltags- und Volkstracht gebräuchlich.

Zum Kittel gehörten lange Stiefel, werktags einfache Kappen und sonntags schwarz-seidene Kopfbedeckungen. An hohen Festtagen trug man Frackröcke nach Art der Militärröcke, Samtkniehosen, Gamaschen oder gestreifte Strümpfe und niedrige Schuhe mit Spangen. Im Sommer kamen Kniehosen aus selbstgefertigtem Leinen zum Einsatz, im Alltag meist aus Manchesterstoff – selbstverständlich blauem.

Für Bauern galt die Moderegel: „Von Werg den Rumpf, von Hanf den Stumpf, von Flachs den Kragen — so soll’s der Bauer tragen.“ Sie bedeutet, dass die Kleidung überwiegend aus grobem, billigem Material bestehen sollte (Werg, Hanf); nur der Kragen durfte aus feinerem Leinen aus Flachs gefertigt sein.

Quellen:
Matricula-online.de
„Trutznachtigall“ Heft 1/1924
Grimme: Das Sauerland uns seine Bewohner

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