Text und Fotos: Sabina Butz
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Meschede vor 120 Jahren – ein Blick ins Adreßbuch von 1900
Vor 120 Jahren gab es in Deutschland weder Rundfunk noch Fernsehen – vom Internet ganz zu schweigen. Tageszeitungen gab es zwar vereinzelt, aber noch nicht für die ca. 3000 Mescheder Einwohner. Diese mussten andere Informationsquellen nutzen – etwa das im Jahr 1900 in dritter Auflage erschienene Adreßbuch für die Stadt und den Kreis Meschede
Ein wahres Fundbuch für jeden informationshungrigen Bürger.
Neben den Kaiserlichen Behörden werden sämtliche Ämter, Schulen und deren Lehrer aufgezählt. Auch die Rittergüter – z. B. Laer, Friedrich, Reichsgraf von Westphalen zu Kulm – durften natürlich nicht fehlen.

Und sogar die „Theilnehmer der Fernsprech-Einrichtung Meschede“ wurden namentlich genannt: Fritz Meschede, Hotel Hoff, Gebrüder Eickhoff, Jos. Busch, C. Rosenthal, S. Ikenberg, Wilhelm Geiecke, Theodor Leisse und die Güterabfertigung.
Der Alltag, schwarz auf weiß
Es gab zwei Ärzte in Meschede, eine Apotheke, einen Rechtsanwalt, acht Bäcker, zehn Metzger, sechzehn Schuhmacher und siebzehn Gasthöfe und Gastwirtschaften. Die Zahlen sprechen für sich – klare Prioritäten, die den damaligen Lebensalltag spiegeln.
Insgesamt warben in diesem Adreßbuch rund 200 „Annonceninhaber“, also Anzeigenkunden – teils mit sehr speziellen Angeboten:
Ein Gasthof empfiehlt sich
Warum ein Gasthof aus Oedingen sich im Adreßbuch von Meschede dem geehrten Publikum empfiehlt? Das erschließt sich nicht sofort. Vielleicht, weil man von dort aus telefonieren konnte?
Toilettebürsten & Kämme
Franz Goerdes, Friseur aus Bestwig, bringt den heutigen Leser zum Schmunzeln: Er bietet „Toilettebürsten und Kämme“ an. Das „n“ in „Toilettenbürste“ scheint zu fehlen – oder war nie vorgesehen. Gemeint ist vermutlich eine Haarbürste. Eine „Toilettenbürste“ in heutiger Bedeutung gab es sprachlich noch gar nicht. Und was sollte der Kamm sonst bezwecken?
Hosenträger und Cigarrenspitzen im Sortiment? Auch das war damals offenbar salonfähig – heute eher ungewöhnlich für einen Friseur.
„Bitte eine Hose kürzen – und zwei Bachforellen“
Diese Anzeige muss man sich erst einmal bildlich vorstellen: Eine Manufaktur wirbt mit Maßanfertigung für Herren-Garderobe – „unter Garantie für guten Sitz“. Prima – ein Herrenschneider. Auch „Damen- und Kinder=Confection“ wird erwähnt, nur ohne Garantie für Passform? Zeitgleich werden – vermutlich in der angeschlossenen Colonialwarenhandlung – frische Bachforellen angeboten. Das weckt Vorstellungen: „Eine neue passgenaue Hose für den Gatten, ein Sonntagskleid für die Frau Gemahlin und drei Kinderkittel aus den Stoffresten bitte – dazu drei oder doch besser vier frische Forellen.“
Das Sortiment des Josef Kleinsorge ließ wohl wenige Wünsche offen. Heute wirkt es zumindest… eigenwillig.
Der Heidelbeerwein-Verein – sozialer Vorreiter?
Zum „allgemeinen Wohle der armen Bewohner der rauhen, industrielosen Gebirgsgegend, namentlich Frauen und Kindern“ ruft der Sauerländische Verein auf. Die Mescheder sollen bitte den selbstgekelterten Heidelbeerwein, die Compots, Gelées und Marmeladen kaufen – aus Beeren, die von jenen Frauen und Kindern gesammelt wurden.
Eine gute Tat – und vielleicht ein Vorläufer moderner Initiativen zur sozialen Integration. Wenn der Heidelbeerwein dann auch noch schmeckt, kann man anderen mit zufriedener Miene und einem Lächeln „zum Wohl!“ zuprosten.





