Text: Sabina Butz
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung

Unsere Vorfahren waren überzeugt, dass Blitz und Donner Ausdruck des göttlichen Zorns seien. In der griechischen Mythologie schleuderte Zeus den Blitz, bei den Römern war es Jupiter, bei den Germanen Thor.

Auch im christlichen Europa blieb der Gewitterglaube lange religiös geprägt: Man läutete Kirchenglocken, hielt Bittgottesdienste und Prozessionen ab oder rief Wetterheilige wie den heiligen Donatus oder die heilige Barbara an.

Im Mittelalter wurden Gewitter und Unwetter häufig als Ergebnis von „Wetterzauber“ gedeutet, wofür man vermeintliche Hexen verantwortlich machte.

In landwirtschaftlich geprägten Regionen konnte ein Blitzeinschlag existenzbedrohende Folgen haben. Als Schutzmaßnahme verbrannte man geweihte Kräuter oder entzündete sogenannte Gewitterkerzen. Diese Kerzen bestanden aus Wachs- und Rußresten von Wallfahrtsorten wie Werl und waren daher schwarz gefärbt. Die Familie versammelte sich während des Unwetters betend um die Kerze.

Erst im 18. Jahrhundert änderte sich die Sicht auf Blitz und Donner grundlegend. 1752 bewies Benjamin Franklin, dass Blitze elektrische Entladungen zwischen Wolken und Erde sind, und entwickelte den ersten funktionalen Blitzableiter.

Der Briloner Blitzableiter

Am Markt 4 in Brilon stand 1811 das Wohnhaus der Familie Kitz. Das Gebäude brannte 1902 ab; das Grundstück wurde 1936/37 neu bebaut.

1811 lebte dort der Stadtarzt Dr. Friedrich Kasimir Kitz, der sich intensiv mit der Natur des Blitzes beschäftigt und mehrere Schriften dazu veröffentlicht hatte (1). In diesem Jahr brachte er an seinem Wohnhaus einen Eisendraht vom Dachfirst bis zur Erde an – nach dem Prinzip des von Franklin entwickelten Blitzableiters.

Der unmittelbare Anlass war der Wiederaufbau der durch einen Blitzschlag zerstörten Turmspitze der Briloner Propsteikirche. Kitz setzte sich nachdrücklich für die Installation eines Blitzableiters an der neuen Spitze ein – und setzte sich damit durch.

Kitz verdient jedoch nicht nur wegen seiner technischen Kompetenz Anerkennung. Er musste sich auch gegen tief verwurzelte kulturelle, religiöse und abergläubische Vorbehalte behaupten. Für viele Sauerländer blieb der Blitz eine göttliche Strafe. Sich dieser Strafe durch einen Blitzableiter zu entziehen, galt als Frevel. Zahlreiche Bauern weigerten sich, solche Vorrichtungen anzubringen. Das hartnäckige Gerücht, Blitzableiter würden Blitze „anziehen“, hielt sich lange.

Kitz soll nach einem Gewitter einen verkohlten Draht präsentiert haben, um die Wirksamkeit des Ableiters zu demonstrieren. Er kämpfte damit nicht nur gegen Vorurteile der Bevölkerung, sondern auch gegen kirchliche Skepsis, die Blitzableiter teils als „Teufelswerk“ oder „Wetterzauber“ verurteilte.

Blitzableiter waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts tatsächlich hoch umstritten. Die Installation des ersten nachweisbaren Blitzableiters im Sauerland in Brilon verdanken wir einem mutigen, engagierten und technisch versierten Mediziner, der die Ideen der Aufklärung verstand und in einer konservativ geprägten Region praktisch umsetzte.

(1) Josef Georg Pollmann: Der erste nachweisbare Blitzableiter im Sauerland. Aspekte zum Denkmalschutz und Fortschritt im 19. Jahrhundert. In: Jahrbuch des Hochsauerlandkreises 2003, Podszun Verlag, Brilon, S. 142–146.