Nicht-sesshafte Menschen

Im Sauerland des 19. Jahrhunderts beruhte „Nicht-Sesshaftigkeit“ entweder auf extremer wirtschaftlicher Not oder auf der Ausübung traditioneller Wanderberufe, die sogenannten Sauerländer Kiepenkerle.

Diese berufsbedingte Wanderschaft ist von der traditionellen, ethnisch geprägten Lebensweise nicht-sesshafter Gruppen, wie z. B. bei den Sinti und Roma, zu unterscheiden.

Die heimischen Kiepenkerle, unter denen es auch Frauen geben konnte, handelten mit Waren des täglichen Bedarfs. Nahrungsmittel (Eier, Milchprodukte und Geflügel) waren in den Städten gefragt, Salz und Nachrichten in den ländlichen  Gebieten. Grenzüberschreitend wurden gern hölzerne Waren (Schuhe, Löffel etc.), Werkzeuge, Textilwaren oder  Glaswaren, Uhren und Heilmittel (Buckelapotheker) angeboten. 4 bis 9 Monate Wanderschaft bis Holland, Nordfrankreich, Dänemark und sogar Russland waren nicht selten.

Dieser Wanderhandel war anerkannt und wurde nicht diskriminiert. Im Gegenteil: Erfolgreiche Kiepenkerle konnten hohes soziales Ansehen erreichen und eine wichtige Rolle in den dörflichen Hierarchien spielen. Viele Dörfer waren stolz auf ihre Wanderhändler.

Kesselflicker-Familie
(Bild ki-generiert)

Ganz anders verhielt es sich dagegen, wenn es um andere Gruppen (Sinti, Roma etc.) ging: Sie wurden nicht nur diskriminiert, sondern auch kriminalisiert. Die Preußen versuchten mit Gewalt, die Nicht-Sesshaftigkeit zu unterbinden.

Die sogenannten ‚Zigeunerkolonien‘ – ein heute klar als diskriminierend erkannter historischer Begriff – im 18. und 19. Jahrhundert sind ein unrühmliches Beispiel dieses Versuches, der dann auch  ab der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgegeben wurde, weil er sich nicht bewährt hatte.

Insgesamt förderten der wirtschaftliche Strukturwandel durch die Industrialisierung und ein starkes Bevölkerungswachstum die Vorurteile gegenüber nicht sesshaften Menschen im Sauerland des 19. Jahrhunderts.

Zur Vertiefung:
Mohr, Lars: Schwere und mehrfache Behinderung als Thema der Theologie – interdisziplinäre Perspektiven

PDF unter: www.qualitaetsoffensive-teilhabe.de

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