Aberglaube im Sauerland
Die raue Naturlandschaft und die Volksfrömmigkeit prägten den Sauerländer Aberglauben. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden im kurkölnischen Sauerland vermeintliche Hexen für Naturkatastrophen und Krankheiten verantwortlich gemacht – tausende verloren in den Hexenprozessen ihr Leben. Auch Werwölfe und Spuktiere bevölkerten die Volksvorstellung.
Angst vor unerklärlichen Ereignissen führte zu magischen Schutzhandlungen: Die Zahl 13, besonders der Freitag, der 13., galt als Unglückstag. Salz durfte nicht verschüttet werden – es bedeutete Verlust von Geld und Gut.
Holz galt als Sitz guter Geister – darauf klopfte man, um ihren Beistand zu erbitten.
Viele Bräuche mit abergläubischem Ursprung haben sich bis heute erhalten: Maifeuer / Walpurgisnacht (30. April). Ursprünglich das Austreiben der Winterdämonen, wird heute als Frühlingsfreude gedeutet. Maibäume waren ursprünglich ein Fruchtbarkeitssymbol, heute stehen sie für Gemeinsamkeit und Frühlingsbeginn.
Auch in der Landwirtschaft überlebten viele Formen: Kein Verleih nach dem Kalben, die letzte Garbe muss stehen bleiben, kein Knoten im Leichenhemd – alles Ausdruck einer tiefen Verbindung zwischen Alltag und Glauben.
Die bis heute sehr beliebten Osterfeuer am Karsamstag und Ostersonntag, der Semmel- und Brotsegen waren ursprünglich zur Vertreibung des Winters und zum Schutz der Felder eingerichtet.
Auch die Kräuter an Mariä Himmelfahrt (15.08.), ursprünglich als Kräuterstrauß (Wische) auf dem Dachboden aufgehängt, um Haus und Vieh zu schützen, werden heute noch in vielen Sauerländer Haushalten als symbolischer Natur- und Segensgruß eingesetzt.
Der Aberglaube wurde auch als „Dank“ ausgeübt: Das Kartoffelbraten im Herbst nach der Ernte war ein Dank für den Ertrag der Erde und sollte dieses Ernteglück im Boden halten.
Ein besonders eindrucksvoller Aberglaube, der sich bis heute erhalten hat, ist das Aufspannen eines Regenschirms im Haus, das zwangsläufig zu großem Unglück führen musste. Hier ist die Erklärung pragmatisch: Regenschirme, seit dem 18. und 19. Jahrhundert verbreitet, hatten zu Anfang scharfe Metallspitzen, die besonders bei beengten Wohnverhältnissen ein hohes Verletzungsrisiko bargen.
Es gibt unzählige weitere Formen und Gebräuche, die aus Aberglauben entstanden sind im Sauerland.
Der Aberglaube ist im Sauerland nicht verschwunden, sondern hat sich gewandelt – vom magischen Schutz zum symbolischen Brauch.
Goethes Satz trifft den Kern: „Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens; deswegen schadet’s dem Dichter nicht, abergläubisch zu sein.“ Das gilt wohl auch für den Sauerländer.
Quellen:
LWL‑Publikationen zur Volkskunde Westfalens
Archiv für westfälische Volkskunde
Hanns Bächtold‑Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens
Ditte & Giovanni Bandini: Kleines Lexikon des Aberglaubens (2006)
Tillmann Bendikowski: Himmel hilf! (2023)

