Text: Sabina Butz
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Das kleine Dorf Canstein (Marsberg) mit heute rund 300 Einwohnern hat seinen Namen von den hellen, steilen Kalkfelsen („Kanten“) in der Umgebung. Bereits im 11. Jahrhundert n. Chr. stand hier eine Burg, später ein Schloss. Das Dorf lag direkt unterhalb dieser Anlage und war eng mit ihrer Geschichte verbunden.
Ein dreister Diebstahl
Die Quellenlage zu Adelsgeschlechtern ist in der Regel qualitativ wie quantitativ gut. Das Besondere an Canstein ist jedoch, dass hier auch punktuelle Einblicke in die alte Dorfgeschichte überliefert sind. Ein besonders eindrucksvolles Ereignis ereignete sich am 5. Mai 1715: Es ging um den Diebstahl von 500 Reichstalern eines über siebzigjährigen ehemaligen Ölmüllers.
Der Täter war in der Nacht in das Altenteil eingedrungen und hatte unbemerkt das Geld aus einem verschlossenen Schrank entwendet. Das Altenteil (auch Leibzucht oder Ausgedinge) war eine historische Form der Altersversorgung in der Landwirtschaft und sicherte dem übergebenden Bauern lebenslanges Wohnrecht, Verpflegung, Kleidung und Pflege.
Der Ölmüller Johann Friedrich Stuhldreyer hatte mit seinen 500 Reichstalern ein für damalige Verhältnisse beachtliches Vermögen angespart. Der Verlust traf ihn hart. Hinzu kam die moralische Empörung: Einen alten Mann um sein Erspartes zu bringen, galt als unehrenhaft, abscheulich und durch nichts zu rechtfertigen.
Als Stuhldreyer den aufgebrochenen Schrank und das fehlende Geld bemerkte, war der Dieb bereits entkommen. Mit lautem Gezeter weckte er seine Familie. Sein Schwiegersohn, der Dorfschuster Hartmann Heinemann, wohnte direkt gegenüber und eilte sofort herbei.
Foto: Bubo, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

