Foto: Die 14 Nothelferkapelle in Grevenstein ließ Pfarrer Becker 1728 errichten.
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Text: Sabina Butz
Ein Pfarrer einer kleinen Gemeinde im 18. Jahrhundert konnte und musste seinen Lebensunterhalt häufig durch Nebentätigkeiten aufstocken. Beispiele dafür finden sich in der Landwirtschaft, im Schulwesen, im medizinischen Bereich, in der Verwaltung oder in handwerklichen Kleinbetrieben wie Imkerei und Schnapsbrennerei.
Johannes Franz Becker (1689–1777) jedoch verfügte über für seine Zeit ungewöhnliche zusätzliche Einkünfte. Er stammte aus einfachen Verhältnissen; sein Vater war Bauer in Meinkenbracht (heute Sundern). Becker wurde katholischer Priester und 1718 Pfarrer in Förde (heute Meschede-Freienohl), ab 1721 in Grevenstein, wo er auch verstarb.
Er muss ein gut vernetzter, unternehmerisch mutiger und finanziell geschickter Mann gewesen sein, der seine geistliche Stellung nutzte, um wirtschaftliche Projekte zu realisieren. Als Geistlicher betrieb er in bemerkenswert großem Umfang Bergbau und Hüttenwesen. Ab 1730 begann er gemeinsam mit Partnern Bergwerke zu betreiben. Er berichtet von einem begonnenen Bergwerk in „weinghaus bei Lammers“ (Sundern-Weninghausen), wo man Goldkies, Silber und Kupfer fand. Bei Endorf besaß er ein Bleibergwerk. Auch bei Grevenstein gründete er ein Werk und setzte einen Stollen an, der Eisen- und möglicherweise Zinnfunde versprach. Insgesamt nennt er weitere sieben Lagerstätten (Michael Senger: Die Hütten im Seilbachtal, in: Bergbau im Sauerland, Schmallenberg 1996, S. 219). Seine Motive deutete er selbst als religiös begründete Wohltätigkeit: Er wollte „armen Seelen im Fegfeuer … helfen“.
Finanziell konnte er auf großzügige Unterstützung zählen: Maria von Schildern stellte ihm beträchtliches Kapital für seine Unternehmungen zur Verfügung, für dessen Verwendung er nur vor Gott Rechenschaft schulde. Über diese bemerkenswert vertrauensvolle Investorin wissen wir leider nichts Weiteres. Ihr Name weist auf niederadelige oder landadelige Herkunft hin; eine persönliche oder familiäre Bindung oder gemeinsame wirtschaftliche Interessen könnten eine Rolle gespielt haben.
Beckers Projekte erwiesen sich letztlich als wirtschaftlich nicht erfolgreich. Er machte hohe Schulden und vernachlässigte seine priesterlichen Pflichten, was ihm den Unmut seiner Gemeinde einbrachte. Grevensteiner Bürger sollen aus Wut sogar das Pfarrhaus angezündet haben. Gegen Ende seines Lebens erkrankte Becker schwer und konnte seine Amtsgeschäfte nicht mehr ausüben. Nach seinem Tod folgten bis ins 19. Jahrhundert langwierige Rechtsstreitigkeiten über seine Verwendung von Geldern.
Trotz seines Scheiterns zeigt Beckers Lebensweg, wie ungewöhnlich offen, experimentierfreudig und unternehmerisch einzelne Akteure im Sauerland des 18. Jahrhunderts agierten.
Foto oben: I, Bodoklecksel, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Über die Anfänge des Bergbaus in Marsberg-Canstein:

