Text: Christel Zidi
Wenn in den Wintermonaten zwischen dem 10./11. November und dem 30. April kurz vor 21 Uhr die Bürgerglocke der Propsteikirche St. Petrus und Andreas ertönt, knüpft sie an einen alten Brauch an. Fünf Minuten lang breitet sich ihr Ton über die Dächer der Stadt aus – ein Echo vergangener Zeiten, in denen dieses Läuten Menschenleben retten konnte.
Der Ursprung des Schneeläutens geht auf eine Begebenheit zurück, die in Brilon bis heute weitergegeben wird. Einst soll ein Bürger in einer finsteren, verschneiten Winternacht die Orientierung verloren haben. Allein, erschöpft und bedroht von der Kälte hörte er schließlich das ferne Läuten der Glocken. Ihrem Klang folgend fand er den Weg zurück in die sichere Stadt.
Aus Dankbarkeit für seine Rettung stiftete er eine Summe, die gewährleisten sollte, dass auch künftig Verirrte durch das Läuten heimgeleitet werden. So wurde das Schneeläuten zu einem festen Bestandteil des Briloner Alltags – Ausdruck von Fürsorge, Gemeinschaft und Verantwortung.
Für die Menschen vergangener Jahrhunderte war dieses Läuten weit mehr als ein Ritual. Die Briloner Totenbücher der Jahre 1740 bis 1839 verzeichnen 21 Todesfälle, die unmittelbar auf winterliche Witterung zurückgeführt werden – vermutlich waren es noch mehr. Ohne Beleuchtung, ohne geräumte Wege und ohne moderne Orientierungshilfen konnte ein Schneesturm schnell zur tödlichen Gefahr werden.
Wütete ein besonders heftiger Sturm und wusste man, dass sich noch Briloner außerhalb der Stadt befanden, erklang früher nicht nur eine einzelne Glocke, sondern das gesamte Geläut. Stundenlang, manchmal die ganze Nacht hindurch, trugen die Glocken ihren Klang weit hinaus über Felder, Wälder und verschneite Pfade – ein akustischer Wegweiser zurück in die Geborgenheit der Stadtmauern.
Heute erfüllt das Schneeläuten keine unmittelbare Schutzfunktion mehr. Doch es bleibt ein eindrucksvolles Zeugnis der Briloner Geschichte und erinnert an Zeiten, in denen Zusammenhalt überlebenswichtig war.
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