Text: Christel Zidi
Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen
Immer mehr junge Mädchen und Frauen verlieren sich in einem Schönheitsideal, das ihnen sogenannte Influencer Tag für Tag einflüstern. Perfekt, makellos, schmal bis zur Unsichtbarkeit – so soll ein Körper angeblich aussehen. Und während sie diesen Bildern hinterherlaufen, beginnen sie, sich selbst zu misstrauen. Sie zählen jede Kalorie wie einen Fehler, den es zu vermeiden gilt. Sie lassen Mahlzeiten aus, obwohl ihr Körper nach Nahrung ruft. Und sie fürchten jedes Gramm, als würde es über ihren Wert entscheiden. Was bleibt, ist ein ständiger Kampf gegen den eigenen Spiegel – und gegen sich selbst.
Für Franziska wäre das unvorstellbar gewesen. Sie war ein Mädchen, das gern aß – und mit Freude. Nicht aus Maßlosigkeit, sondern weil Essen Kraft bedeutete, Leben, manchmal sogar Trost.
Franziska wurde im Jahr 1844 in Oesterberge geboren. Das kleine Dorf war seit Generationen die Heimat ihrer Familie. Ihr Vater Christoph und schon dessen Vater und Großvater hatten hier als Ackerbauern gearbeitet, hatten Felder bestellt und von dem gelebt, was der karge Boden hergab. Ihre Eltern hatten 1836 in Oberkirchen geheiratet, weil ihre Mutter aus Mittelsorpe stammte.
Franziskas Kindheit fiel in eine Zeit, die von Mangel geprägt war. Die großen Hungerjahre von 1845 bis 1847 hatten die Region schwer getroffen. Getreidemissernten und die Kartoffelfäule hatten vielen Menschen Hunger und Unterernährung gebracht. Auch wenn diese Jahre vorbei waren, blieb das Leben karg. Sehr viele Menschen lebten weiterhin am Existenzminimum.
Die Ernährung war einfach und einseitig. Kartoffeln und Roggenbrot bildeten die tägliche Kost, Fleisch gab es nur selten. Wer satt wurde, hatte Glück. Für ein Mädchen wie Franziska war Essen nichts Selbstverständliches, sondern etwas Kostbares. Jeder volle Teller war ein guter Tag. Vielleicht war es gerade deshalb, dass sie gern aß – weil sie wusste, dass Kraft nötig war für den Alltag, für die Arbeit, für das Leben selbst.
Doch selbst Freude am Essen schützte nicht vor Krankheit. Mangelernährung war weit verbreitet, die Körper vieler Menschen waren geschwächt. In Franziskas Familie zeigte sich das auf schmerzliche Weise. Ihre Schwester Theresa starb im Jahr zuvor mit knapp 23 Jahren an Auszehrung. Ein Tod, der nicht plötzlich kam, sondern schleichend.
Auch Franziska blieb davon nicht verschont. Ihre Kräfte ließen nach, ihr Körper wurde schwächer. Die Auszehrung nahm ihr nach und nach das, was sie zum Leben brauchte. Am 4. Dezember 1960 starb Franziska Bornemann in Oesterberge, im nahegelegenen Wenholthausen wurde sie beigesetzt. Sie wurde nur 15 Jahre und zwei Monate alt.
Ihr Vater Christoph, geboren 1810, überlebte seine Tochter um viele Jahre. Er erreichte ein Alter von 75 Jahren und hinterließ sieben erwachsene Kinder.
Im 19. Jahrhundert lag die Lebenserwartung auf dem Land bei etwa 35 bis 45 Jahren, vor allem wegen hoher Kindersterblichkeit. Wer das Erwachsenenalter erreichte, konnte oft 60 bis 70 Jahre alt werden. Landarbeiter lebten meist unter dem Existenzminimum, mit harter körperlicher Arbeit, einseitiger Ernährung (Kartoffeln, Brot) und kaum medizinischer Versorgung. Krankheiten wie Auszehrung, Tuberkulose und Infektionen waren häufige Todesursachen.

