Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen

Text: Christel Zidi

In den abgeschiedenen Dörfern der Medebacher Bucht hielten sich über Jahrhunderte bestimmte Weihnachtsbräuche. Einer davon war, den Tieren am Heiligen Abend eine Extraportion Futter zu geben und den Stall nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr zu betreten. Man glaubte, dass in dieser Nacht eine besondere Stille über den Hof zog und dass die Tiere Gottes Nähe spürten.

Hesborn, am 24. Dezember 1829

Der Winter 1829 war ungewöhnlich streng. Seit Wochen lagen Schnee und Frost über dem Land, die Temperaturen sanken bis auf −20 °C. Am Heiligen Abend lag der Hof der Familie still und weiß im Mondlicht. Nur aus dem Stall drang das gedämpfte Scharren und Kauen der Tiere.

Die Menschen waren zur Christmette nach St. Goar gegangen. In der warmen Stube blieb nur die Bauersfrau zurück. Sie trug ein Kind unter dem Herzen und konnte den Weg durch den tiefen Schnee nicht mehr gehen, denn ihre Füße waren stark geschwollen.

Am Nachmittag hatte der junge Esel des Hofes neugierig zur Haustür hinübergeschaut, als der Bauer die Tiere fütterte. Durch den kurzen Blick in die Stube hatte er das warme Licht der Wachskerze gesehen, die auf dem alten Küchentisch brannte. Die Bäuerin bereitete das einfache Mahl für den Abend vor: Grütze, etwas Brot und Milch. Für den ersten Weihnachtstag lag bereits eine gerupfte Gans bereit, die am Morgen geschlachtet worden war. Daneben lagen die kleinen Geschenke: selbst gestrickte Socken, Püppchen aus Garnresten und das Holzspielzeug, das der Bauer gefertigt hatte.

In der Ecke der Stube stand ein kleiner, etwas schief gewachsener Weihnachtsbaum, geschmückt mit Äpfeln und Strohsternen. Schlicht, aber liebevoll.

Als die Dunkelheit vollständig hereingebrochen war, legte sich eine besondere Ruhe über den Hof. Die Tiere standen dicht im warmen Stall, der Atem der Kühe und des Ochsen stieg als feiner Nebel in die kalte Luft. Die Bäuerin meinte später, dass die Tiere an diesem Abend ungewöhnlich still gewesen seien, fast so, als lauschten sie auf etwas, das nur sie wahrnehmen konnten.

In vielen Häusern im Sauerland erzählte man sich, dass die Tiere in dieser Nacht eine besondere Sensibilität besäßen. Die Älteren sagten, dass Gott ihnen in dieser Nacht die Zunge löste und sie sprechen können. Die Jüngeren waren eher der Meinung, dass die Tiere wohl nicht sprächen, aber sehr wohl etwas ahnen würden: den kommenden Frühling, das Schicksal des Hofes, manchmal sogar die Geburt eines Kindes.

Die Bäuerin dachte an ihr ungeborenes Kind und legte eine Hand auf den Bauch. Sie hoffte auf ein gutes Jahr. Als der Bauer und das Gesinde von der Christmette zurückkehrten, fanden sie den Stall in friedlicher Stille vor. Die Tiere standen ruhig, als hätten sie die ganze Zeit gewartet. Für die Menschen war dies ein Zeichen: Ein gutes Omen für das neue Jahr.

Und tatsächlich geschah noch etwas Wunderbares in diesem Jahr: Im April wurde auf dem Hof ein gesunder Knabe geboren, der auf den Namen Joannes Franziscus getauft wurde.

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