Text: Christel Zidi
Viele Ortsnamen sind sehr alt – oft mehrere Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende. Sie beschreiben die Lage, Gestalt oder Beschaffenheit einer Siedlungsstelle oder geben – in Verbindung mit Personennamen – Hinweise auf frühe Bewohner. Während einzelne Wörter einer gesprochenen Sprache im Laufe der Zeit aussterben, bleiben sie in Ortsnamen oft erhalten. Ortsnamen sind träge – Worte wandern, Orte nicht. Sie zeigen, was den Menschen damals wichtig oder markant erschien – und das mitunter in einer Sprache, die heute hier nicht mehr gesprochen wird.
Im Sauerland haben die geografischen Namen in Westfalen fast immer einen germanischen oder niederdeutschen Ursprung und nur selten einen lateinischen oder keltischen.
Topographisches
| Endung | Bedeutung | Beispiel |
| -bach, -bache, -becke | Kleiner, fließender Wasserlauf | Medebach, Silbach, Brabecke |
| -berg | Berg, Anhöhe | Arnsberg, Hallenberg, Marsberg, Winterberg, Schmallenberg, Olsberg |
| -born | Quelle, Brunnen | Petersborn |
| -brunnen | Brunnen | Kloster Brunnen |
| -feld | Offene Fläche, Feld | Altenfeld, Niedersfeld |
| -ohl | Feuchte Niederung, teils bewaldet | Freienohl |
| -rode, -roth | Rodung | Cobbenrode |
| -scheid | Grenze oder Wasserscheide | Langscheid |
| -trop, -trup | Weiler, kleine Siedlung | – |
| -wig | Siedlung, Wohnplatz, Weiler. Typisch für früh- bis hochmittelalterliche Siedlungen, besonders solche, die auf Handel, Viehhaltung oder Handwerk hinweisen. | Bestwig, Halbeswig |
Endungen wie -tal, -au, -ow oder -quelle gibt es vor allem bei Flurnamen; bei Ortsnamen sind sie kaum bekannt. Auch die Endung -see kommt selten vor, da natürliche Seen im Hochsauerlandkreis kaum existieren. Endungen mit -diek oder -deich (Graben, Deich) treten gar nicht auf.
Siedlungsnamen
Trägt ein Ortsname Endungen wie -ing, -inghausen, -hausen, -becke oder -sen, ist seine Herkunft nahezu sicher sächsisch. Endungen wie -heim, -rode oder -ede deuten hingegen auf fränkische Herkunft hin. Im ersten Teil des Ortsnamens findet man häufig Personennamen, denn im Frühmittelalter entstanden die meisten Orte des Sauerlands als Einzelhöfe, benannt nach dem Gründer, Besitzer, Oberhaupt der Sippe oder Lehnsherrn. Der Name des Ortes erhielt sich auch dann, wenn die Person längst vergessen war (Beispiel: Oeventrop = „Dorf des Ovo“). Ähnlich wie bei Höfen im Sauerland.
Sundern als Sonderform bezeichnete vermutlich einen „Sonderbesitz“ – also einen Teil der Mark, der einem Herrengut, Kloster oder einer geistlichen Einrichtung vorbehalten war.
Die Arbeit der Sprachforscher
Auch wenn vieles auf den ersten Blick plausibel erscheint, ist die Erforschung alter Namen nicht einfach. Auf der einen Seite besitzen Ortsnamen eine identifizierende Funktion und sind daher stabil. Andererseits unterliegen sie als Teil der Sprache Veränderungen. Historische Belege und lautliche Entwicklungen müssen sorgfältig berücksichtigt werden.
Der heutige Name ist meist das Ergebnis einer langen lautlichen Entwicklung; nur in seltenen Fällen lässt sich die Bedeutung direkt aus der aktuellen Form ableiten. Deshalb beziehen Sprachforscher stets ältere Namensformen ein und betrachten ihre Überlieferung über Jahrhunderte.
Ein anschauliches Beispiel dafür ist der Ortsname Kirchrarbach. Der erste Teil bezieht sich auf den Kirchenort, der zweite auf ein Gewässer. Doch der Ort heißt nicht einfach Kirchbach, sondern trägt auch den Namen des Gewässers: Rarbach.
Im Kreis Olpe gibt es einen gleichnamigen Bach, der durch den Ort Rarbach fließt. Dort meint der Name vermutlich „Rohr-/Röhricht-/Schilf-Bach“. Die alten Schreibweisen (Ruhrbecke, Rohrbach, Rahrbach) weisen auf diesen Bedeutungsansatz hin. Für den Rarbach im Hochsauerlandkreis trifft dies jedoch nicht zu. Die mittelniederdeutschen Belege zeigen verschiedene Vokalvarianten (o, oe, oh, oo, ö, u), aber keine Form mit „a“, wie Roirbeke, Boirbeke oder Rubeke. Das lässt sich daher nicht aus rār („Rohr“) erklären. Stattdessen kommt ein anderer Wortstamm infrage: mittelniederdeutsch rōren („schreien, brüllen“), althochdeutsch/mittelhochdeutsch rōren, neuhochdeutsch röhren, englisch roar. Diese lautmalerische Wurzel bezeichnet Geräusche wie Brüllen, Tosen oder Rauschen.
Der Name des Hochsauerländer Rarbachs bezieht sich damit sehr wahrscheinlich auf das laute Wasser – passend zum Gefälle zwischen Oberrarbach und Kirchrarbach.
Kommen wir zum Schluss noch zu einem Fluss, der seine Quelle im Sauerland hat und nach dem schließlich ein großes Gebiet benannt wurde: die Ruhr. Dieser Flussname ist vermutlich keltisch (rura / rurā = „die Reißende, Strömende“). Ansonsten lag das Sauerland lag eher am Rand der keltischen Welt, war eher Durchgangs-, Wirtschafts- und Rohstoffgebiet.
Quelle: „Die Ortsnamen des Hochsauerlandkreises“ Westfälisches Ortsnamenbuch (WOB) Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen herausgegeben von Kirstin Casemir und Jürgen Udolph
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