Text: Sabina Butz

Edwina von Arnsberg

Die Sage von Edwina von Arnsberg ist eine lokale, mündlich tradierte oder später wiederbelebte Erzählung. Es gibt keine wissenschaftlich nachweisbaren Belege – weder für die weibliche Hauptfigur Edwina noch für den männlichen Protagonisten Wilhelm. Beide Personen dürften fiktional sein.

Auch im regionalgeschichtlichen Zusammenhang wirft die Sage Fragen auf: Nur sehr wenige Sagen im Sauerland lassen sich als echte „Liebestragödien“ im klassischen Sinn bezeichnen. Übernatürliche Wesen, Raubritter, Hexen, Strafgerichte und Naturgefahren bestimmen den größten Teil des Sauerländer Sagenfundus.

Schauen wir uns die Sage inhaltlich an:

Vor vielen Jahrhunderten lebte auf der Arnsberger Burg die Grafentochter Edwina. Ihr Vater, der Graf von Arnsberg, hatte klare Vorstellungen von einem standesgemäßen Schwiegersohn: adlige Herkunft, Vermögen, ein Edelmann von Rang – so, wie es sich für eine Grafentochter gehörte.

Doch Edwina hatte ihr Herz an Wilhelm verloren, einen jungen Ritter niederer Herkunft und Gefolgsmann des Grafen. Die beiden beschlossen zu fliehen, um zusammenbleiben zu können. Die Flucht wurde jedoch bemerkt; das Paar wurde verfolgt und schließlich gestellt. In ihrer Verzweiflung stürzten sich Edwina und Wilhelm in die Fluten der Ruhr. Die Details variieren je nach Überlieferung: In einer Version springt Wilhelm zuerst und Edwina folgt ihm; in einer anderen stürzen beide gemeinsam.
Manchmal ertrinken beide, manchmal nur Wilhelm. In einigen Fassungen überlebt Edwina, bleibt jedoch verschollen oder soll in einem Kloster Zuflucht gefunden haben.

Für Sauerländer Verhältnisse ist diese Sage ungewöhnlich „romantisch“. Vergleichbare Liebestragödien sind selten. Die Legenden um Gertrud von Plettenberg († 26. Oktober 1608 in Arnsberg), Mätresse von Ernst von Bayern – Fürstbischof von Freising, Hildesheim, Lüttich und Münster, Fürstabt von Stablo-Malmedy sowie Kurfürst und Erzbischof von Köln – basieren auf historischen Fakten und besitzen keinen romantischen Kern.

Eine gewisse thematische Nähe zeigt die Sage von den Sieben Jungfrauen bei Rüthen/Kallenhardt (Kreis Soest), die sich in den Tod stürzen, um nicht an Feinde ausgeliefert zu werden. Doch auch hier fehlt der romantische Aspekt; es handelt sich um eine kollektive Selbstopferung.

Festzuhalten bleibt: Die Sage von Edwina und Wilhelm ist die romantischste und zugleich tragischste Liebessage des Sauerlands.

Vielleicht hat ja tatsächlich einmal ein Arnsberger Shakespeare gelesen – und Romeo und Julia ins Sauerland übertragen? Wer weiß?


Eher leidenschaftlich als romantisch war die Beziehung zwischen Gertrud von Plettenberg und Ernst von Bayern. Mehr dazu.

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