Die Radlinghauser „Donnerkeile„

Was da aus der Radlinghauser Erde zum Vorschein kam, hatte allerdings nichts mit Blitz und Donner zu tun. Die ungewöhnlichen Steine sind Quarzkristalle, sogenannte Doppelender. Vergleichbare Kristalle sind vor allem aus Suttrop bei Warstein bekannt und werden deshalb als Quarze vom „Suttroper Typ“ bezeichnet. Auch bei Bleiwäsche und auf der Briloner Hochfläche kommen sie vor. Ihre Geschichte reicht viele Millionen Jahre zurück.
Um zu verstehen, warum ausgerechnet bei Radlinghausen solche Kristalle im Boden liegen, muss man sich die Landschaft völlig anders vorstellen als heute. Vor rund 380 Millionen Jahren, im Devon, befand sich hier ein warmes Meer. Auf seinem Grund wuchsen mächtige Riffe. Aus ihren kalkhaltigen Überresten entstand im Laufe ungeheurer Zeiträume der Briloner Massenkalk. Heute bildet er die Hochfläche, auf der Radlinghausen liegt.
Später wurde dieser gewaltige Kalkkörper durch Bewegungen der Erdkruste zerbrochen. Klüfte und Spalten entstanden. Durch sie konnten mineralhaltige Lösungen zirkulieren. In solchen Hohlräumen bildeten sich Kalkspat und Quarz. Die Quarzkristalle sind damit deutlich jünger als der Kalkstein, in dem ihre Entstehung begann. Vergleichbare Mineralbildungen im Briloner Massenkalk werden auf viele Millionen Jahre datiert.
Eine Besonderheit der Radlinghauser Funde ist ihre Form: Die Kristalle konnten an beiden Enden wachsen und bildeten deshalb zwei Spitzen – die charakteristischen „Doppelender“.
Irgendwann gelangten die Kristalle durch Verwitterung aus dem Gestein in die darüberliegenden tonigen Böden. Dort konnten die Menschen sie schließlich finden. In Radlinghausen wusste man offenbar schon lange, wo sich die Suche lohnte. Rund um den Dorfteich und sogar in Hausgärten wurde nach den „Donnerkeilen“ gegraben.
Ihre große Stunde kam jedoch viel später – beim Kanalbau. Als die Bagger den Boden öffneten, kamen die Doppelender plötzlich baggerschaufelweise zum Vorschein. Für Gesteinssammler war Radlinghausen auf einmal ein Eldorado. Die Nachricht von den ungewöhnlichen Funden verbreitete sich weit über die Region hinaus. Sammler kamen und nahmen die Kristalle mit.
So verschwanden viele der Radlinghauser „Donnerkeile“ ebenso schnell wieder aus dem Boden, wie sie ans Tageslicht gekommen waren. Heute befinden sie sich in zahlreichen Gesteinssammlungen – während im Dorf selbst wohl noch mancher Doppelender unentdeckt unter einem Garten oder einer Wiese liegen dürfte.
Donnerkeile oder Doppelender?
Im eigentlichen Sinn wird mit „Donnerkeil“ das fossile Innenskelett eines ausgestorbenen, tintenfischähnlichen Meeresbewohners, des Belemniten, bezeichnet Früher wurden jedoch auch andere auffällig geformte Steine als „Donnerkeile“ bezeichnet. Der alte Name geht auf die Vorstellung zurück, solche ungewöhnlichen Steine seien bei einem Gewitter mit dem Blitz auf die Erde gelangt.
Bei den Funden aus Radlinghausen handelt es sich jedoch nicht um Fossilien, sondern um Quarz. Die Kristalle sind an beiden Enden natürlich zugespitzt und werden deshalb fachlich Doppelender genannt.

