Text: Sabina Butz
Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen
Diesen Tag würde die zehnjährige Martha nie vergessen. Es war ein Tag, wie er in Grevenstein, Stockum, Erlinghausen oder in jedem anderen kleinen Ort im Sauerland hätte stattfinden können. Ihr Leben änderte sich plötzlich und grundlegend.
Ohm (Onkel) Heinrich war unerwartet verstorben. Zur Beerdigung ging die Familie, ein Fußmarsch von drei Stunden. Nur die Mutter und die Kinder kehrten zurück; der Vater musste auf dem Hof bleiben – er war der Hoferbe. Wörter wie „Anerbe“ und „Höfeordnung“ verstand Martha nicht. Zuhause erklärte die Mutter, dass sie künftig auf dem Hof von Oime (Onkel) Heinrich wohnen würden. Schon morgen sollte der Umzug erfolgen, auch die Schule würde gewechselt.
Der Umzug war schlimm genug, doch der erste Schultag machte Martha Angst. Am liebsten wäre sie unsichtbar geworden. Ihre Mutter bat Jakob, den Sohn der neuen Nachbarn, ihr beizustehen.
Jakob sprach freundlich auf sie ein, doch Martha verstand nichts. Es klang wie ihre Sprache, aber die Wörter waren verdreht. Ähnlich wie in der Messe, wo sie nicht alles verstand. Sie erinnerte sich: Nach „Amen“ war Schluss, „Gloria“ sei ein Mädchenname wie Martha, hatte ihr die Mutter erklärt. Diese Gloria musste eine berühmte Frau sein, wenn sie in so vielen Kirchenliedern vorkam. Jakob unterbrach ihre Gedanken: „De, de Platt snackt, ward straaft.“ Martha erschrak. In ihrer alten Schule war Platt üblich, seit kurzem auch etwas Hochdeutsch. Eine Strafe für Plattdeutsch klang furchtbar.
In der neuen Schule drängten sich viele Kinder in einem kleinen Raum. Der Lehrer lächelte sie an, sprach etwas Unverständliches, und Jakob zog sie neben sich. Der Unterricht begann: Der Lehrer zeigte auf Gegenstände, die Kinder mussten sie benennen. Wer falsch lag, bekam ein Holzbrett, das weitergereicht wurde. Matha fürchtete, es nie wieder loszuwerden.
Dann zeigte der Lehrer auf einen „Pott“ und auf sie. Jakob murmelte „Topf“. Zögernd sprach sie das Wort aus. Der Lehrer strahlte, Jakob schmunzelte, und Martha hoffte, nicht rot geworden zu sein.
Am Ende des Tages flüsterte Jakob: „Wi gaht na Huus.“ Sie hätte ihren Lebensretter gern umarmt.
Da es sich um eine fiktive Erzählung handelt, dürfen Martha und Jakob natürlich in zwölf Jahren heiraten.
Hintergrund:
Bis ins 19. Jahrhundert sprach man im Sauerland im Alltag überwiegend Plattdeutsch. Offizielle Texte nutzten Hochdeutsch, doch die Schulen, seit dem 18. Jahrhundert eingeführt, hatten große Schwierigkeiten: Es fehlte an Lehrkräften, an didaktischen Anleitungen und an der Einsicht der Eltern, deren Kinder in der Landwirtschaft gebraucht wurden. Lange Schulwege und das unbeliebte Schuldgeld erschwerten den Unterricht zusätzlich.
Im 19. Jahrhundert wurde Plattdeutsch zunehmend verdrängt. Es galt als Zeichen mangelnder Bildung und niedrigen sozialen Status. Zwar gab es kein Gesetz, das Plattdeutsch verbot, doch viele Schulen bestraften Kinder, wenn sie es sprachen. Plattdeutsch-Sprecher wurden diskriminiert und als „minderwertig“ angesehen.
Industrialisierung und Mobilität förderten das Hochdeutsche: Mehr Menschen konnten sich verständigen. Für jene, die nur Plattdeutsch gelernt hatten, war dies ein harter Bruch. Besonders die Kinder litten unter der Sprachumstellung.
Mit dem Schwinden des Plattdeutschen geht ein Stück Sauerländer Identität verloren. Heute gibt es erfreulicherweise Gegenbewegungen: Vereine, Arbeitskreise und Projekte setzen sich für den Erhalt der Sprache ein.
Text: Sabina Butz

