Die wohl erste psychiatrische Einrichtung in Westfalen

Landeshospital Marsberg
St. Johannes-Stift Marsberg, um 1928: Lazarettgebäude. Provinzial-Heilanstalt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, errichtet um 1911. Undatiert.
Foto: LWL-Medienzentrum für Westfalen LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die neue Zielsetzung des Landeshospitals Marsberg (ab 1814)

Mit der Gründung des Landeshospitals wurde ein für die damalige Zeit ungewöhnlicher Ansatz verfolgt: eine individuelle, nicht auf Zwang basierende Behandlung. Neben der Versorgung sollten ausdrücklich Heilzwecke erreicht werden – ein Konzept, das in Deutschland erst Jahrzehnte später verbreitet wurde.

Zu den Neuerungen gehörten: Unterweisung des Pflegepersonals, die erst um 1900 allgemein üblich wurde. Klare Verantwortungsstruktur: Leitung ausschließlich durch Direktor und Arzt; geistliche Mitverantwortung entfiel. Einführung klinischer Tagebücher, die als frühe Form systematischer Krankenstatistik gelten können. Offenheit für externe Expertise: Beiträge medizinischer Fachleute außerhalb der Anstalt waren ausdrücklich erwünscht. Trennung psychischer von somatischen Erkrankungen, was eine präzisere Diagnostik ermöglichte. Verbesserte Lebensbedingungen: Anlage eines Gartens, angemessene Beschäftigungsmöglichkeiten, freundlichere Unterbringung. Differenzierte Behandlung verschiedener Patientengruppen (Epileptiker, „Blödsinnige“, „Stupide“, Melancholische, „Wahnsinnige“, Wütende). Harmonische Lebensverhältnisse als Grundlage der Genesung. Konsequenzen bei Regelverstößen wie Essensentzug oder Arrest; die bis dahin übliche Hospitalsverweisung1 entfiel. Zwangsmittel dienten ausschließlich der Verhinderung von Selbstverletzungen. Verzicht auf Abführ- und Brechmittel, die zuvor verbreitet waren.

Patientenfreizeit im St. Johannes-Stift Marsberg, Westfälische Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 1955.

Zwischen 1814 und 1831 wurden 196 Patienten aufgenommen. Rund 30 % galten als geheilt oder gebessert, nur sieben als ungeheilt. 59 Patienten wurden entlassen.

Diese Ergebnisse belegen die Wirksamkeit des neuen Behandlungskonzepts. Das Landeshospital Marsberg kann insgesamt als eine innovative und für das 19. Jahrhundert bemerkenswerte psychiatrische Einrichtung gelten.

Quellen:
Christina Vanja: Das Landeshospital Marsberg – die erste psychiatrische Einrichtung in Westfalen. 
LWL: Geschichte der LWL‑Kliniken Marsberg. 
Studysmarter: Geschichte der Psychologie.

  1. Behördliche bzw. ärztlich veranlasste Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung. ↩︎

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