Text: Christel ZIdi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung

„Im Anfang Juli 1625 ist der Junker Hanswulf von Reigern, Capitain Lieutenant, von Breda wieder nach Hause gekommen, aber verstandeslos, welchen er jedoch nach einiger Zeit wiedererhalten“, so berichtet es die Chronik der Pfarrei von Enkhausen.

Hans Wulf aus Reigern in der Nähe von Sundern-Hachen war ein Kriegsheimkehrer. Was muss er wohl Schlimmes gesehen und erlebt haben, das ihn „den Verstand verlieren“ ließ?

Natürlich hatten die Menschen im 17. Jahrhundert eine höhere Toleranz gegenüber Gewalt im Alltag; oft lebten sie auch näher am Kriegsgeschehen als wir. Dass sie Schreckenstaten anders empfanden als wir modernen Menschen, können wir aber nicht unbedingt sagen. Auf jeden Fall deuteten sie diese anders und ordneten sie z. B. als „Kriegsnotwendigkeit“ ein. Erlebtes wurde meist religiös gedeutet. Ertragenes Leid wurde nicht individuell analysiert, sondern kollektiv getragen. Gebete, Buße und Gemeinschaft ersetzten eine heutige Trauma-Therapie.

So berichtet der Schuhmacher Hans Heberle aus Schaben: „Es war ein solches Jammern und Elend, dass kein Mensch es mit Worten beschreiben kann.“ (Chronik 1618–1672). Peter Hagendorf schrieb in sein Söldnertagebuch (1625–1649) erstaunlich nüchtern – doch immer wieder bricht persönliches Entsetzen durch. August von Fritsch, ein kaiserlicher Offizier, schrieb in den 1630er-Jahren: „Man sieht täglich Grausamkeiten, die kein Herz ertragen kann.“ Auch der Schriftsteller Grimmelshausen schrieb später über diese Zeit, berichtete darüber, dass die Menschen nicht abgestumpft waren, sondern oft entsetzt – aber ohnmächtig.

Hexenverbrennungen, die ebenfalls in dieser Zeit stattfanden, hatten oft Volksfestcharakter. Schwer vorstellbar, wie Menschen dabei zusehen konnten. Es war eine gefährliche Mischung aus religiöser Rechtfertigung, sozialem Druck und Angst („Es ist der Teufel in Menschengestalt“). Aber es gab auch damals schon Menschen, die dieses Treiben verurteilten – zum Beispiel Friedrich von Spee.

Zum Glück haben sich unsere Moralvorstellungen geändert, der Scheiterhaufen ist verschwunden. Doch der „digitale Pranger“ ist neu entstanden; die dunkle soziale Dynamik lebt weiter. „Hexenprozesse“ haben sich ins Internet verlagert. Dort gibt es massenhafte Beschimpfungen, Shitstorms und voyeuristisches Zuschauen bei Gewalt. Es sind fast die gleichen psychologischen Kräfte wie im 17. Jahrhundert.

Zurück zu Hans Wulf von Reigern: Bei seiner Kriegsheimkehr war er schätzungsweise 25 bis 30 Jahre alt, denn als Kapitänleutnant musste er bereits Erfahrung als Offizier gesammelt haben. Er entstammte einer alteingesessenen westfälischen Adelsfamilie: Als Sohn von Bernhard Wrede zu Reigern und Gertrud von Wrede wuchs er in einer Linie auf, die wohl schon seit Generationen militärisch diente. So war sein Leben geprägt von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648), einer langen, zerstörerischen Auseinandersetzung, in der Adel und Berufssoldaten gleichermaßen gefordert waren.

1625 befand er sich in den Niederlanden am Rande der Stadt Breda, die seit August 1624 von spanischen Truppen belagert worden war. Die strategisch bedeutsame Stadt fiel schließlich am 5. Juni 1625 unter der Führung des spanischen Feldherrn Ambrogio Spínola.

Hans Wulfs Einsatz war typisch für die Adelssöhne seiner Zeit. Selbst in modernen Begriffen könnte man ihn kaum als „Söldner“ bezeichnen; er war ein erfahrener Adelsoffizier, dessen Leben eng mit den militärischen Traditionen seiner Familie verbunden war. Er kämpfte nicht aus patriotischem Eifer, sondern aus Pflichtbewusstsein und für seine militärische Karriere, die ihn auf die Schlachtfelder Europas führte.

Nach der Schlacht um Breda wurde Hans Wulf nach Westfalen zurückgebracht – zunächst scheinbar dem Wahnsinn nahe, überwältigt von den Schrecken und Strapazen des Krieges. Dass er seinen Verstand so bald wiedererlangte, mag wie ein kleines Wunder erscheinen. So mancher Mann – damals wie heute – ist schon an dem zerbrochen, was er im Krieg erlebt hat.

Hans Wulf heiratete Marthe Mechtild von Romberg, und ihre Familie setzte die Linie der Wrede zu Reigern fort. Ihr Sohn Wilhelm Bernhard von Wrede wurde sechs Jahre nach der Rückkehr seines Vaters aus dem Krieg geboren, im Jahr 1631. Hans Wulf selbst starb am 28. Februar 1652.

Seine Enkeltochter Margaretha Katherina heiratete 1693 Friedrich Bernhard von Ledebur, den Besitzer von Wicheln. Seiner Familie gehörte zuvor die nahegelegene Burg Hachen, bevor diese 1749 in den Besitz der Familie Fürstenberg-Herdringen überging. Die Fürstenbergs erwarben in dieser Zeit auch das Haus Reigern.

Die Kapelle in Reigern stammt aus dem 18. Jahrhundert.
Foto: Optimist4343, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Quellen:

  • https://www.30jaehrigerkrieg.de/reigern-hans-wulf-wrede-von/?utm_source=chatgpt.com
  • https://de.geneanet.org
  • Hans Heberle: Zeytregister (Chronik 1618-1672)
  • Peter Hagendorf: Tagebuch eines  Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg
  • Augustin von Fritsch in „Verwüstung Deutschlands. Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges von Peter Englund
  • Grimmelshausen: „Der abenteuerliche Simplicissismus Teutsch (1668)

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