Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen
Text: Christel Zidi
Freienohl, im Winter 1850
„Erst vor einem Glasofen versteht man, dass die Sonne nicht nur am Himmel brennt“, hat mein Großvater einmal zu mir gesagt. Damals verstand ich nicht, was er damit meinte. Ich wusste nur, dass er im Rumbecker Wald als Glasmacher arbeitete. Die Gläser, die er manchmal mit nach Hause brachte, waren eigentlich „Ausschuss“, das heißt, sie hatten kleine Fehler und wurden deshalb aussortiert. Ich aber fand sie als Kind gerade deshalb schön. Besonders die winzigen Luftblasen faszinierten mich. Für mich war das, als würde ich dort die Atemzüge der Handwerker erkennen.
Heute bin ich selbst Glasmacher und weiß, wie hart die Arbeit an den Öfen ist. Wenn Quarzsand, Pottasche und Kalk miteinander vermengt werden, bis die Masse in der Glut weiß aufleuchtet wie die Sonne selbst. Halte ich den langen Pfeifenstiel, darf meine Hand nicht zittern, auch wenn die Hitze mir den Atem raubt. Glas verzeiht keine Unruhe; es lebt allein für den, der Geduld besitzt. In der Glashütte stellen wir Flaschen, Trinkgläser und Lampenzylinder her, schlichtes Waldglas für den täglichen Gebrauch.
Mein Name ist Gustav, und ich bin Freienohler. Genauer gesagt aber bin ich ein Giesmecker, denn mein Heim liegt unten im Tal der Giesmecke.
Als ich noch ein junger Mann war – es war in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts – vernahm ich, dass der Mescheder Forstinspektor die Buchenwälder des Arnsberger Waldes zu teurerem Nutzen vermarkten wollte und darum den Bau einer Glashütte im Giesmecketal plante. Die Kunst der Glasbereitung war im kurkölnischen Sauerland kaum bekannt, und so schloss er einen Kontrakt mit einem Glasfabrikanten aus Paderborn.
Sein Vorhaben stieß anfangs auf heftigen Widerspruch bei den alten Holznutzern: die Köhler fürchteten um ihre Meiler, die Eisenhütten um ihre Holzkohle, die Bauern um ihr Leseholz. Auch der Gemeindevorstand äußerte Bedenken, dass das Tal streng bewirtschaftet würde und die Leute weder Holz noch Weide mehr nutzen könnten. Man rechnete mit einem jährlichen Bedarf an Buchenholz von rund zwanzig Hektar.
Doch mich kümmerten diese Einwände kaum; ich hoffte nur auf eine Anstellung. Und diese erhielt ich – dazu einen Wohnplatz, denn um die neu errichtete Glashütte entstand bald eine kleine Siedlung. Als der Fabrikant bald schon mehr Holz forderte, wussten wir, dass die Öfen noch lange brennen würden. Das Holz wird über den Plackweg herangeschafft, lange Stämme, wie sie die Öfen verlangen; kurze Hölzer taugen nicht.
Fernab vom Dorf Freienohl führt unsere Siedlung ein eigenes Leben. Abends sitzen wir Männer oft in der kleinen Wirtschaft, die der Hüttenleiter eröffnet hat. Hier im Haus des ehemaligen Dorfschulzen sprechen wir über Gerüchte und Hoffnungen gleichermaßen. Manche munkeln, das Tal sei zu abgelegen, die Hütte zu hungrig nach Holz, um von Dauer zu sein. Man wird sehen, ob sie recht behalten werden.
Meiner Familie hat die Hütte viele Jahre Lohn und Brot gegeben und dafür bin ich dankbar.
Um 1820 gab es im Giesmecketal bei Freienohl Waldglashütten, um die herum eine kleine Siedlung entstand. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Glasproduktion 1874 nach Oeventrop in die Kirchstraße verlegt und dort bis 1931 fortgeführt. Von der Siedlung gibt es keine sichtbaren Spuren mehr.
Glashütten gab es auch in Neuhaus bei Körbecke, in Schmallenberg-Oberkirchen und in Marsberg-Essentho. In Essentho werden auch heute noch Gläser hergestellt. Die Verbreitung der Waldglashütten des 17. und 18. Jahrhunderts beschränkte sich auf das Astengebirge und den Arnsberger Wald.
Baurechnungen über Fensterglas der 1749-1753 erbauten Pfarrkirche St. Nikolaus in Freienohl haben bewiesen, dass das Flachglas aus der Glashütte im Rumbecker Wald kam. Der dortige Waldglasbetrieb des Klosters Rumbeck war vor allem von etwa 1750 bis 1759 aktiv.
Die Kunst, aus Quarzsand, Pottasche und Kalk herzustellen, ist seit ist seit dem 5. Jahrtausend vor Christus im Vorderen Orient bekannt. In Westfalen lässt sich die Schmelze erst im 14. Jahrhundert für Lippe nachweisen.
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