Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen
Text: Christel Zidi
Berghausen, Anno 1755
Das erste Licht des Morgens lag noch flach über den Bergkuppen des Hennetals, als Johann den schweren Riemen über die Schulter zog und den Ochsen aus dem dunklen Stall führte. Der Atem des Tieres stieg in dichten Wolken auf. Es war still, nur das Schnauben des Ochsen und das leise Knirschen des Reifs unter Johanns Stiefeln waren zu hören.
Der Acker am Hang war kein guter Acker. Zu steil, zu steinig. Land, das eigentlich dem Mescheder Stift gehörte und das Johann dennoch Jahr für Jahr bearbeitete, als wäre es sein eigenes. Er kannte jede Stelle, an der der Pflug hängen blieb, jeden Widerstand im Boden. Und doch schien sich die Erde an diesem Morgen besonders zu sperren.
Der Ochse scharrte mit dem Huf, als wittere er die Mühe, die vor ihnen lag. Johann legte ihm beruhigend die Hand auf den warmen Nacken: „Komm, Alter“, murmelte er.
Mit einem Ruck fuhr die Pflugschar in die Erde. Metall schlug auf Stein. Wieder und wieder. Der Boden gab kaum nach, als wolle er nichts preisgeben. Zwischen den dunklen Erdschollen tauchten helle Brocken auf, glatt und fremd. Johann schenkte ihnen keinen Blick. Steine gab es hier genug.
Stunde um Stunde arbeiteten sich Mensch und Tier den Hang entlang. Die Anstrengung zog bis in Johanns Schultern, der Atem ging schwer. Als die Sonne höher stieg, trug der Wind plötzlich einen vertrauten Klang herüber: die Glocke der St.-Nikolaus-Kapelle. Dreimal drei einzelne Schläge, dann ein langes Nachklingen – das Angelus-Läuten, es war Mittag.
Johann richtete sich auf. Es war Zeit, die Arbeit zu unterbrechen. Ochse und Bauer machten sich auf den Weg hinunter, vorbei an der kleinen Kapelle, vorbei an den beiden anderen Höfen. Johann dachte an das Essen, das Elisabetha für ihn bereitet haben würde, an die Wärme der Stube, an den kurzen Moment der Ruhe.
Er ahnte nicht, dass er an diesem Morgen mit seinem Pflug über einen Ort gegangen war, an dem man einst innegehalten hatte – nicht zum Gebet, sondern zum Abschied.
Lange bevor Berghausen erstmals schriftlich erwähnt wurde, führte ein alter Weg aus Richtung Rhein an dieser Anhöhe vorbei und senkte sich weiter hinab in Richtung Meschede. Händler, Fuhrleute und Reisende nutzten ihn über Generationen hinweg. Vielleicht war es dieser Weg gewesen, der den Ort prägte – und der Grund, weshalb die Kapelle später dem heiligen Nikolaus geweiht wurde, dem Schutzpatron der Reisenden, Händler und Fuhrleute.

