Ein besonderer Fund gelang 1925: eine romanische Bronzeschale mit 30 Zentimetern Durchmesser – eine kleine Sensation. Solche Schalen werden auch „Hanseschalen“ genannt, weil sie häufig in Hansestädten gefunden wurden. Der Name ist allerdings irreführend, denn sie stammen aus der Zeit vor der Hanse, etwa aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Typisch sind Verzierungen mit Tugenden, Lastern, Tieren oder geometrischen Mustern. Im Mittelalter dienten sie als Waschschüsseln oder repräsentatives Tafelgeschirr.

Die Nordenauer Schale zeigt kunstvoll eine Szene aus den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid: die tragische Liebesgeschichte von Pyramus und Thisbe. Das heimliche Paar verabredet sich unter einem Maulbeerbaum. Pyramus findet dort nur Thisbes Schleier und glaubt, sie sei von einer Löwin getötet worden. Aus Verzweiflung stürzt er sich in sein Schwert. Als Thisbe wenig später eintrifft, findet sie ihn tot – und nimmt sich ebenfalls das Leben.

Hanseschüssel, 12. Jh., Bronze, graviert, Durchmesser 30,0 cm,
Inv.Nr. M-234 LM
Foto: LWL-MKuK/Sabine Ahlbrand-Dornseif

Die kunstvolle Gestaltung und der literarische Bezug der Bronzeschale lassen vermuten, dass sie nicht nur ein Gebrauchsgegenstand war, sondern auch ein Ausdruck von Bildung und kulturellem Interesse. Sollte sie tatsächlich zur Zeit der Burgbewohner in Gebrauch gewesen sein, spricht das für ein bemerkenswert hohes Bildungsniveau in der damaligen Burggesellschaft – ein spannender Hinweis auf das geistige Leben im mittelalterlichen Sauerland.

Heute ist die Schale im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster und bietet Besucherinnen und Besuchern einen faszinierenden Einblick in die Verbindung von Alltagskultur, Kunsthandwerk und antiker Literaturtradition.

Quellen Burgfotos:
Foto oben: Luccio1973 WC, CC BY-SA 3.0 DE via Wikimedia Commons
Foto 1. Seite unten: Stefan Didam – Schmallenberg, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia
Commons1

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