Text: Sabina Butz

Das Gebiet der heutigen Stadt Brilon im östlichen Sauerland war schon sehr früh besiedelt, wie Funde aus dem Meso- und Neolithikum (9500–2000 v. Chr.) belegen. Die erste urkundliche Erwähnung finden wir im Jahr 973 unter Kaiser Otto II. Der Name (auch: Brilo, Brielon, Briglon und Brylo) wird überwiegend auf das mittelniederdeutsche Wort „bril/brul/brol“ zurückgeführt, das für eine Busch- oder Sumpfwiese steht. Brilon ließe sich demnach mit „in den feuchten Wiesen“ übersetzen.

Die Stadt verfügt bis heute über eine der größten kommunalen Waldbesitzungen Deutschlands. Kein Wunder also, dass sich in diesen ausgedehnten Wäldern Menschen leicht verirren konnten – ein idealer Nährboden für Sagen und Legenden. Eine davon befasst sich mit der volksetymologischen Erklärung des Stadtnamens „Brilon“:

Ein Kaiser Heinrich – nicht näher bestimmt –, in anderen Versionen auch Karl der Große, war mit seinem Jagdtross in den Forsten des späteren Brilon unterwegs. Offenbar geriet er auf eine falsche Fährte, verirrte sich und traf erst nach langer Suche gegen Abend auf einer kleinen Lichtung auf einen bescheidenen Bauernhof. Der überraschte Bauer grüßte ihn freundlich, erkannte ihn jedoch nicht. Er lud den verirrten Wanderer in seine einfache Behausung ein und bewirtete ihn mit Roggenbrei, der täglich auf dem Speiseplan armer Leute stand.

Der Kaiser – welcher auch immer – war begeistert von dieser „Köstlichkeit“, die er so noch nie gegessen hatte. Selbstverständlich bereitete der Bauer ihm ein schlichtes Nachtlager, wie er es jedem anderen verirrten Wanderer ebenfalls angeboten hätte.

Am frühen Morgen erklärte der Gast, noch nie so gut geschlafen zu haben. Inzwischen war sein Gefolge der Fährte gefolgt und traf ein. Der Bauer erfuhr, wen er beherbergt hatte, und warf sich sogleich vor seinem Herrscher nieder. Dieser aber zeigte sich großzügig und versprach dem armen Mann so viel Land und Wald, wie er an einem Tag umreiten könne. Ob der Bauer sofort los ritt, ist nicht überliefert – sicher ist nur, dass er ein reicher Mann wurde.

Der Name Brilon wurde in dieser Erzählung als Abwandlung von „Breilohn“ gedeutet.

Das Motiv des verirrten Herrschers, der von einem armen, einfachen Menschen gerettet und anschließend reich belohnt wird, findet sich deutschlandweit, etwa in den Kaiser-Karl-Erzählungen – dort allerdings ohne Ortsangaben. Auch bei den Brüdern Grimm taucht das Motiv des verirrten, mächtigen Mannes auf, jedoch ohne die spätere Entlohnung.

Neben der hier erzählten regionalen Überlieferung sind im Sauerland kaum weitere Varianten dieses Motivs bekannt. Mittelalterliche Herrscherlegenden passen jedoch hervorragend in die Landschaft und Erzähltradition der Region. Die Verbindung mit dem Stadtnamen Brilon spricht für sich.

Und wenn wir ehrlich sind: Wer von uns hat nicht schon einmal von einem „Glückszufall“ geträumt? Die Motive bleiben bestehen – auch wenn wir uns heute nicht mehr vorstellen, einen Roggenbrei gegen eine ganze Stadt eintauschen zu können.

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