Text: Sabina Butz
Ein ungewöhnlicher Siedlungsbeginn im 16. Jahrhundert
Altastenberg, heute ein Stadtteil von Winterberg, liegt auf fast 800 Metern Höhe und ist damit der höchstgelegene Ort sowohl des Sauerlands als auch Nordrhein-Westfalens. Diese Lage macht seine Geschichte besonders: Eigentlich hätte hier gar kein Dorf entstehen sollen. Bis 1785 trug der Ort den Namen Lichtenscheid – ein Begriff, der sich aus lichten (unbewaldet) und Scheid (Grenzkamm) zusammensetzt. Er beschreibt also zunächst nur eine Landschaft, keinen Siedlungsplatz.
Bis 1536 gehörte die Region zum waldeckschen Lehnsgebiet und war an Winterberg zur Weidenutzung verpachtet. Johann von Hanxleden, der inzwischen die Pfandrechte besaß, löste dieses Pachtverhältnis auf, weil er die Fläche selbst nutzen wollte. Er siedelte Hirten und Heuerlinge an – Menschen ohne eigenen Grundbesitz, die ihre Arbeitskraft gegen Unterkunft einbrachten. Die Entstehung von Lichtenscheid war also keine natürliche Dorfentwicklung, sondern eine bewusst initiierte Ansiedlung.
Trotz der rauen Höhenlage und der kargen Böden entwickelte sich hier eine widerstandsfähige Gemeinschaft. Das Dorf überlebte nicht, weil der Standort günstig war, sondern weil die Menschen Wege fanden, sich den Bedingungen anzupassen.
Im 19. Jahrhundert kam eine weitere Veränderung hinzu: In unmittelbarer Nähe entstand Neuastenberg. Zur besseren Unterscheidung setzte sich für den älteren Ort der Name Altastenberg durch.
Das Alltagsleben in Altastenberg
Auch der Alltag war von der Höhenlage geprägt. Sommerroggen diente lange als wichtigstes Brotgetreide, später wurden Kartoffeln zur Grundnahrung. Eine überlieferte Redensart erzählt, dass Kinder auf die Frage „Wann ist wieder Sonntag?“ die Antwort bekamen: „Wenn wir 18-mal Kartoffeln gegessen haben.“ Fleisch stammte fast ausschließlich aus der Hausschlachtung; hin und wieder fand auch ein Huhn den Weg in den Topf. Wald- und Preiselbeeren ergänzten den Speiseplan.
Um 1563 gab es vermutlich nur drei Hofstätten. Bis 1720 wuchs die Zahl auf vierzehn – eine kleine, aber stabile Dorfgemeinschaft. Später verdienten sich viele Altastenberger ihr Einkommen zusätzlich als Handelsmänner.
Fazit
Altastenberg, das frühere Lichtenscheid, lag über Jahrhunderte in einer Hochheide, die vor allem aus Weideflächen, Heide und Wald bestand – ohne Ackerland, ohne Höfe, ohne natürliche Voraussetzungen für ein Dorf. Dennoch entstand hier im 16. Jahrhundert eine Siedlung, gegen die klimatischen Bedingungen und gegen die Erwartungen der Zeit.
Im heutigen Sprachgebrauch könnte man Johann von Hanxleden fast als „Investor einer frühen Trabantensiedlung“ bezeichnen. Manche Entwicklungen, die wir für modern halten, haben also durchaus historische Vorläufer in der Lokalgeschichte.

Fotos: Teta, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

