Text: Sabina Butz
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Müschede, ein Stadtteil von Arnsberg im Hochsauerland mit heute ca. 2800 Einwohnern, liegt am Osthang des Röhrtals, zwischen den Ortschaften Hüsten und Hachen. Der Name könnte auf das althochdeutsche Wort Müsch = Moor oder Sumpf zurückzuführen sein.
Bis 1445 hieß Müschede: Muche, Musche oder Mussche nach der dort ansässigen Adelsfamilie von Muche, die erstmals im Jahr 1179 erwähnt wird. Erst ab 1596 finden wir die heutige Schreibweise Müschede für den Ort.
Müschede war immer ein kleiner Ort, allerdings schon sehr früh mit einer eigenen Kapelle: An der Stelle der alten Müscheder Hubertus-Kirche (1871) stand vorher eine Kapelle, die dem heiligen Hubertus geweiht war und schon 1484 erwähnt wird. Die jetzige Pfarrkirche St. Hubertus wurde 1932 errichtet und steht unterhalb der ursprünglichen Hubertus-Kapelle.
Zu dieser Hubertus-Kapelle und den aufeinander folgenden zwei späteren Hubertus-Kirchen gibt es erstaunliche, fast vergessene Hinweise auf eine mögliche Hubertus-Wallfahrt in Müschede, die nur im zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu verstehen ist.
Im 18. Jahrhundert finden wir gleich drei belastbare Belege, dass viele Menschen in dieser Kapelle Schutz gegen tollwütige Hunde suchten.
Die Tollwut (auch Rabies oder Lyssa genannt) ist eine Infektionskrankheit, die durch Lyssaviren ausgelöst wird und durch den Speichel infizierter Tiere übertragen wird. Unbehandelt führt sie mit ganz wenigen Ausnahmen zwangsläufig zum Tod. Sie ist seit dem Altertum bekannt. Heute sterben noch jährlich ca. 60.000 Menschen an der Tollwut, überwiegend in Asien und Afrika; die meisten Todesfälle weltweit verzeichnet Indien (35%). Deutschland gilt seit 2008 als tollwutfrei. Die erste Tollwutimpfe wurde 1885 von Louis Pasteur durchgeführt. Ein Meilenstein in der Impfgeschichte.
Bis Ende des 19. Jh. mussten sich die Menschen anders gegen diese schreckliche Erkrankung wehren; und hier kommt der Heilige Hubertus ins Spiel: Geboren um 655 in Toulouse, gestorben 727 in Tevuren (bei Brüssel), war Hubertus ein fränkischer Adeliger, der nach dem frühen Tod seiner Frau ein Büßerleben führte. Die Legende erzählt, dass er durch die Begegnung mit einem Hirsch, der ein Kreuz im Geweih trug, sein Leben veränderte und eine kirchliche Laufbahn einschlug. Später wurde er Bischof von Maastricht und Lüttich. Er ist der Schutzpatron der Jäger, der Hunde, der Schützenbruderschaften, Kürschner, Metzger, Metallarbeiter, Büchsenmacher, Optiker und Mathematiker. Bei der Tollwut wurde seine Hilfe erbeten, z. B. auch durch das Aufsuchen seiner Wallfahrtstelle in Müschede. Diese Wallfahrten dürften natürlich eher im regionalen Umfeld gesucht werden, aber sie fanden garantiert statt.

Dabei gab es mehrere Hilfsutensilien wie z. B. die Weihe eines sogenannten Hubertusbrotes oder Hubertuswassers oder die Nutzung eines „Hubertusschlüssels“, ein glühender Schlüssel, der die Stirn berührte oder zum Ausbrennen der Wunde bei Mensch und Tier diente.
Diese Anwendung wurde 1828 kirchlich verboten. Als die Tollwut zu Beginn des 20.Jh. durch die von Pasteur entwickelte Impfung mehr und mehr ihren Schrecken verlor, verlor der Schutz durch den Heiligen Hubertus relativ schnell seine Bedeutung.
Heute können wir das verstehen, nachdem wir die Corona-Pandemie überstanden haben. Die Parallelen sind klar zu erkennen und jeder Leser mag selbst entscheiden, ob er vor mehr als 200 Jahren selbst einen Tollwutschutz in Müschede gesucht oder praktiziert hätte.
Quelle: Homepage der Schützen-Müschede
Bild oben: Optimist4343, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

