Wüstungen

Ortswüstungen in Westfalen – eine Zeit des Umbruchs


Text: Christel Zidi

Im 14. Jahrhundert erlebte Westfalen eine stille, aber tiefgreifende Veränderung: Dörfer, die über Generationen hinweg gewachsen waren, verschwanden. Besonders betroffen war ein breiter Streifen vom Siegerland bis in den Raum Minden. Während kleine Siedlungen aufgegeben wurden, wuchsen an anderer Stelle größere Orte heran.

Warum so viele Dörfer verschwanden

Das Hochsauerland war im Mittelalter keine unveränderliche Landschaft. Zahlreiche Dörfer und Höfe entstanden, wurden aufgegeben und später teilweise wiederbesiedelt. Die Geschichte der sogenannten Wüstungen – dauerhaft oder zeitweise verlassener Siedlungen – erzählt von tiefgreifenden Veränderungen, die die Region über Jahrhunderte geprägt haben.

Bereits um das Jahr 1200 setzte im Hochsauerland ein langsamer Wandel der Siedlungslandschaft ein. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Prozess im 14. Jahrhundert, als zahlreiche Orte aufgegeben wurden. Ursachen hierfür waren unter anderem die Pest, Missernten und Agrarkrisen, aber auch kriegerische Auseinandersetzungen, Fehden und die zunehmende Unsicherheit auf den Handels- und Verkehrswegen. Raubüberfälle, Brandstiftungen und die Zerstörung von Städten, Burgen und Klöstern erschwerten vielerorts das Leben der Menschen und führten zur Aufgabe ganzer Siedlungen.

Besonders das Hoch- und Ostsauerland war von dieser Entwicklung betroffen. In einigen Regionen wurden nahezu 80 Prozent der mittelalterlichen Siedlungen aufgegeben. Es entstanden großflächige Totalwüstungszonen, in denen die Besiedlung zeitweise vollständig verschwand. Gleichzeitig veränderte sich die Kulturlandschaft nachhaltig: Kleine Weiler gingen in größeren Dörfern auf, Höfe wurden verlagert und landwirtschaftliche Flächen neu organisiert.

Doch die Geschichte der Wüstungen ist nicht nur eine Geschichte des Verschwindens. Bereits im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert begann vielerorts eine neue Phase der Besiedlung. Orte wie Wissinghausen, Essentho, Rixen oder Hoppecke wurden wiederbelebt und entwickelten sich unter veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen weiter. Während Rixen bereits 1536 als „Neudorf“ bezeichnet wird, zeigt Hoppecke eindrucksvoll, wie eng die Wiederbesiedlung mit der frühen Eisenverarbeitung verbunden war. Zugewanderte Handwerker und die eisenverarbeitenden Betriebe gaben dem Ort neue wirtschaftliche Impulse und prägten seine weitere Entwicklung nachhaltig.

Die mittelalterlichen Wüstungen sind bis heute ein wichtiger Bestandteil der Kulturlandschaft des Hochsauerlandes. Archäologische Funde, historische Quellen und die noch heute sichtbaren Siedlungsstrukturen erzählen von Zeiten des Aufbruchs, des Niedergangs und des Neubeginns. Sie machen deutlich, dass die Landschaft des Sauerlandes das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung ist, die bis in unsere Gegenwart hinein sichtbar geblieben ist.

Spuren in der Landschaft

Besonders oft traf es kleine Weiler aus der Ausbauzeit zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert. Ihre Namen verraten ihre Entstehungszeit: Endungen wie -hausen, -shausen oder -inghausen waren typisch. Ältere Siedlungen mit schwer verständlichen Namen, oft gegründet zur Zeit der Karolinger und Ottonen, konnten sich etwas länger halten – doch auch sie blieben nicht immer verschont. Besonders in Stadtumfeldern oder abgelegenen Regionen verschwanden ganze Dörfer.

Ein Blick auf die westfälische Wüstungslandschaft

Heute sind etwa 300 Ortswüstungen in Westfalen-Lippe archäologisch nachgewiesen, tatsächlich dürfte ihre Zahl jedoch noch höher liegen. Besonders im Hochsauerlandkreis häufen sich die verlassenen Orte – etwa ein Viertel aller bekannten Wüstungen liegt hier.

Ein besonderes Zeugnis dieser Zeit ist die Kirchortwüstung Nieder-Upspringen bei Marsberg: eine der wenigen erhaltenen Wüstungskirchen Westfalens. In der Nähe, im ehemaligen Dorf Twesini, fanden Archäologen Spuren von mittelalterlicher Kupferverhüttung. Auch in Dorpede, ebenfalls bei Marsberg, konnten die Reste einer alten Kirche nachgewiesen werden. Viele der Wüstungen, etwa Reninghausen, tragen noch im Namen die Erinnerung an ihre Ursprünge – in diesem Fall in einem kleinen steinwerkartigen Bau, der entdeckt wurde.

Im 14. Jahrhundert begann die Natur, sich ihr Terrain zurückzuerobern. Die einst mühsam angelegten Terrassenäcker beiderseits des Rothaargebirges verwaldeten. Die Spuren dieser alten Kulturlandschaften erzählen noch heute von einer Zeit großer Umbrüche und der Kraft der Natur, sich verlassene Orte zurückzuholen.

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