Borghausen bei Ostwig – die Geschichte eines verschwundenen Adelssitzes

Unter uns das Rittergut

Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung

Wer heute in Borghausen zwischen Bestwig und Ostwig einkaufen geht, ahnt kaum, welche Geschichte sich möglicherweise unter seinen Füßen verbirgt. In der Umgebung des heutigen Ortes bestanden einst adelige Güter, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. Wo sich die damaligen Adelssitze befanden, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Doch Urkunden, alte Flurnamen und historische Besitzverzeichnisse eröffnen interessante Einblicke in die Vergangenheit Borghausens.

Ein Adelssitz aus dem Mittelalter

Die Geschichte beginnt im ausgehenden 13. Jahrhundert. Zwischen 1295 und 1310 erhielten die Brüder Lambert und Gerhard von Ostwich vom Grafen von Arnsberg einen Gutshof bei Ostwig als Lehen. Die Familie gehörte zu den Ministerialen des Stifts Meschede. Ursprünglich waren dies Dienstleute geistlicher oder weltlicher Herren, die Verwaltungs- und andere wichtige Aufgaben übernahmen. Im Laufe der Zeit stiegen viele von ihnen in den niederen Adel auf.

Für die Besitzungen bei Ostwig finden sich in den historischen Quellen unterschiedliche Bezeichnungen: Borg, Brockhausen, Bruchhausen, Brockhusen und Bruchhusen. Ihre Zuordnung ist nicht immer eindeutig. Der Historiker Albert K. Hömberg unterscheidet allerdings zwischen Haus Borg und Haus Bruchhausen. Ob und in welchem Umfang die beiden Besitzungen miteinander verbunden waren, ist noch nicht vollständig geklärt.

Als das Haus verschwunden war

Im Jahr 1669 wird das Ostwiger Lehnsgut Borg beziehungsweise Brockhausen als völlig verwüstet beschrieben. Ein Wohnhaus war bereits nicht mehr vorhanden. Was zum Untergang des Adelssitzes führte, ist unbekannt. Ob Kriegseinwirkungen, ein Brand oder schleichender Verfall dafür verantwortlich waren, lässt sich aus den überlieferten Quellen nicht erkennen. Die Besitzrechte bestanden jedoch fort.

Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb Dietrich Adam von Hanxleden 1698 Haus Bruchhausen. Der Besitz wurde im Jahr 1699 mit dem benachbarten Rittergut Haus Ostwig vereinigt. Damit wurde Haus Bruchhausen fortan gemeinsam mit dem Rittergut Haus Ostwig geführt.

Ein erbitterter Streit unter Adeligen

Im 18. Jahrhundert wurde der umfangreiche Besitz der Familie von Hanxleden zum Gegenstand eines langwierigen Rechtsstreits. 1755 wurde Theodor Bernhard Graf von Hanxleden durch den Freiherrn von Schade auf Schloss Antfeld aus seinem Besitz verdrängt. Erst neun Jahre später erhielt er durch ein kaiserliches Urteil seine Güter zurück. Dazu gehörten auch die Besitzungen in Bestwig und Borghausen.

Doch die Rückkehr währte nur kurz. Am 26. Oktober 1765 wurde Graf von Hanxleden während einer Jagd, die der Freiherr von Schade veranstaltete, durch einen Schuss tödlich verletzt. Ob es sich um einen tragischen Jagdunfall handelte oder andere Umstände eine Rolle spielten, lässt sich anhand der bislang bekannten Überlieferung nicht sicher beurteilen.

Mit dem Erlöschen der Ostwiger Linie der Familie von Hanxleden änderten sich die Besitzverhältnisse erneut. Schließlich gelangte Haus Ostwig im Jahr 1771 an die Familie von Lüninck.

Wo stand das alte Haus Borg?

Diese Frage beschäftigt auch die Archäologie. Im Zuge der Planungen für die Seniorenresidenz „Auf der Burg“ untersuchte die LWL-Archäologie für Westfalen die historische Überlieferung. Die Fachleute halten die frühere Existenz von Haus Borg westlich der Elpe für weitgehend gesichert. Wo genau die Anlage stand und wie sie aussah, ist jedoch unbekannt.

Das geplante Baugelände wurde deshalb als archäologische Verdachtsfläche eingestuft. Nachdem sich der Investor im Mai 2026 von dem Vorhaben zurückgezogen hatte, blieb die Frage nach möglichen Überresten des alten Adelssitzes zunächst unbeantwortet. Das Bebauungsplanverfahren soll dennoch abgeschlossen werden, um eine spätere Nutzung des Geländes zu ermöglichen.

Einen weiteren Hinweis auf den möglichen Standort liefern alte Flurnamen. Noch heute ist in Borghausen die Bezeichnung „Auf der Burg“ gebräuchlich. Sie findet sich auch in älteren Flurnamenverzeichnissen. Ob sich hinter diesem Namen tatsächlich die Erinnerung an den verschwundenen Adelssitz verbirgt, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Eine neue Epoche

Im 19. Jahrhundert begann mit dem Bau der Oberen Ruhrtalbahn eine neue Epoche. Das Tal zwischen Ostwig und Bestwig veränderte sich grundlegend. Am 1. Juli 1872 wurde der Bahnabschnitt bis Bestwig für den Personenverkehr eröffnet.

Für die Bahnanlagen wurden große Flächen benötigt. Nach erfolgreichen Verkaufsverhandlungen mit dem Freiherrn von Lüninck aus Ostwig konnte die Eisenbahngesellschaft die erforderlichen Grundstücke für das Bahnbetriebswerk erwerben. Um ausreichend Platz zu schaffen, wurde sogar der Lauf der Ruhr nach Norden verlegt.

Auch in Borghausen entstanden neue Gewerbebetriebe. Nach Unterlagen der Gemeinde Bestwig bestand im Bereich des heutigen Einkaufszentrums bereits um 1881 eine Kalkbrennerei. Später kamen eine Zementfabrik sowie ein Sägewerk beziehungsweise eine Schwellensägerei hinzu.

Im 20. Jahrhundert wandelte sich Borghausen weiter. Wohngebiete entstanden, das Schulzentrum wurde errichtet, und ehemalige Gewerbeflächen wurden für den Einzelhandel genutzt. Vom mittelalterlichen Adelssitz selbst ist heute nichts mehr sichtbar.

Vielleicht ruhen unter Straßen, Häusern und Parkplätzen tatsächlich noch die letzten Spuren des alten Gutes. Die Gebäude sind längst verschwunden. Doch die Urkunden haben die Erinnerung bewahrt und erzählen bis heute von einem Adelssitz, dessen genaue Lage noch immer ein kleines Rätsel bleibt.

Quellen:
Albert K. Hömberg: Geschichtliche Nachrichten über Adelssitze und Rittergüter im Herzogtum Westfalen und ihre Besitzer, Heft 8.
www.westfalen-adelssitze.de
www.sauerlandbahnen.de
Gemeinde Bestwig: Begründung zum Bebauungsplan „Neue Märkte Borghausen“, Angaben zur Kalkbrennerei und zur Schwellensägerei.

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