Text: Christel Zidi
Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen

Im Jahr 2000 untersuchten Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ein Gelände am Rand von Marsberg, auf dem das Gewerbegebiet „Vor dem Schlage“ entstehen sollte. Was zunächst wie eine gewöhnliche Ausgrabung aussah, entwickelte sich zu einer der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen des Sauerlandes. Unter der Erde kamen Hausgrundrisse, Brunnen, Grubenhäuser sowie zahlreiche Röst- und Schmelzöfen zum Vorschein. Besonders eindrucksvoll war eine mächtige Schlackenhalde – der eindeutige Beleg dafür, dass hier über lange Zeit Kupfer verhüttet worden war.

Die Wüstung Twesine eröffnet damit ein seltenes Fenster in das Leben einer frühmittelalterlichen Siedlung, deren wirtschaftliches Zentrum nicht allein die Landwirtschaft, sondern vor allem die Gewinnung und Verarbeitung von Kupfer war.

Versetzen wir uns in einen Sommertag des Jahres 780.

Noch bevor der erste Hahn kräht, öffnet der Kupferschmelzer die Tür seines kleinen Holzhauses. Über dem Tal unterhalb der Eresburg liegt der Morgennebel. Auf dem Höhenzug zeichnen sich die Palisaden der Burg gegen den heller werdenden Himmel ab.

Wie fast alle Familien im Dorf lebt auch seine von mehreren Tätigkeiten. Im Frühjahr bestellt man die Felder. Im Sommer und Herbst aber bestimmt das Kupfer den Alltag. Gemeinsam mit seinen Brüdern macht sich der Mann auf den Weg zum Erzberg.

Die Kupfervorkommen liegen nur wenige Kilometer entfernt. Am Eresberg tritt das Erz stellenweise bis an die Oberfläche. Auch zwischen Leitmar, Giershagen und Essentho sowie östlich von Marsberg finden sich kupferführende Schichten. Twesine liegt genau zwischen diesen Lagerstätten und der Eresburg – ein Standort, der für die Verarbeitung des Erzes kaum günstiger sein konnte.

Der Regen des Vortages hat Erde von den Hängen gespült. Nun schimmern an einigen Stellen grüne Malachitkrusten und blaue Azuritflecken zu erkennen – sichere Hinweise auf kupferhaltiges Gestein. Wo eine Erzader an die Oberfläche tritt, folgen ihr die Bergleute. Zunächst entstehen flache Gruben, sogenannte Pingen. Reicht das Erz tiefer in den Hang, werden kurze Schächte oder kleine Stollen angelegt..

Vom Erz zum Metall

Mit Eisenkeilen, Fäusteln und Spitzhacken lösen die Männer das Gestein. Ist der Fels zu hart, wenden sie das seit der Bronzezeit bekannte Feuersetzen an: Stundenlang brennt ein Feuer an der Felswand, anschließend wird das erhitzte Gestein mit Wasser abgeschreckt. Der Temperaturschock erzeugt Risse, und das Erz lässt sich leichter lösen.

Das gewonnene Gestein wird in Flechtkörben oder auf Holzschlitten aus der Grube gebracht. Für größere Lasten stehen Ochsenkarren bereit, die das Erz nach Twesine transportieren.

Dort beginnt die eigentliche Arbeit: Zunächst wird das Erz mit Hämmern zerkleinert. Anschließend röstet man es auf flachen Feuerstellen. Dabei entweichen Schwefelverbindungen und das Erz wird auf den Schmelzvorgang vorbereitet.

Schon am Vormittag liegt scharfer Rauch über dem Dorf. Frauen holen Wasser aus dem Brunnen. Kinder treiben Schweine zwischen den Häusern hindurch. Aus vielen Richtungen klingt das Schlagen von Hämmern auf Stein.

Gegen Mittag glühen die Lehmöfen. Der Mann bedient den Blasebalg mit gleichmäßigen Bewegungen. Die Holzkohle erreicht hohe Temperaturen, das Metall trennt sich langsam vom Gestein. Am Boden des Ofens sammelt sich das Kupfer, darüber bleibt die schwarze, glasige Schlacke zurück.  Für die Menschen des Dorfes ist sie wertlos und wird hinter den Öfen auf Halden abgelagert.

Gerade diese Schlackenhalden werden mehr als zwölfhundert Jahre später den Archäologen zeigen, welch bedeutende Metallproduktion hier einst stattgefunden hat. Zusammen mit mehr als dreißig nachgewiesenen Röst- und Schmelzöfen belegen sie eindrucksvoll den Umfang der Kupferverarbeitung. Gegen Mittag glühen die Lehmöfen.

Am Nachmittag reiten vier Männer von der Eresburg nach Twesine. Einer trägt einen Speer, ein anderer spricht längere Zeit mit dem Dorfältesten. Niemand erfährt, worüber gesprochen wird. Doch jeder ahnt den Grund ihres Besuches.

Zwischen Alltag und Konflikten

Seit Jahren dauern die Kämpfe zwischen Franken und Sachsen an. Metall ist ein begehrter Rohstoff. Kupfer wird für Beschläge, Kessel, Werkzeuge und als Bestandteil von Bronze benötigt. Der Mann denkt nicht über die großen politischen Ereignisse nach. Er weiß nur: Wenn mehr Kupfer verlangt wird, dauern die Arbeitstage länger.

Am Abend kehrt Ruhe ein. Die Familie sitzt vor dem Haus. Während die Kinder essen, erzählt der Großvater von den Hollen, den geheimnisvollen Wesen des Berges, die die Erzschätze bewachen und nur denjenigen reiche Gänge zeigen, die den Berg achten und respektieren.

Der Mann lächelt über die alten Geschichten. Doch wenn nachts der Wind über den Erzberg streicht, hört auch er aufmerksam hin.

Fast 750 Jahre später wird Twesine verlassen sein. Die Häuser verfallen, der Wald erobert das Gelände zurück, und das Dorf gerät in Vergessenheit. Erst die Archäologie wird eine Geschichte wieder ans Licht holen.

Lesen Sie hierzu bitte, was die Wissenschaftler des LWL über den Ort herausgefunden haben: https://www.lwl.org/pressemitteilungen/nr_mitteilung.php?urlID=43377

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