Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung

Hungertücher, in manchen Gegenden auch Betteltücher genannt, sind große Tücher, die in der Fastenzeit, den 40 Tagen vor Ostern, in katholischen Kirchen aufgehängt werden. Traditionell verhüllen sie den Altar oder den gesamten Chorraum.

Das Verhüllen des Altars symbolisiert Verzicht, Buße und Demut. Indem der Blick auf den Altar verdeckt wird, entsteht eine bewusste Leerstelle. Diese „Entbehrung des Sehens“ soll helfen, sich innerlich stärker auf das Leiden Christi (die Passion) zu konzentrieren.

Die Fastenzeit ist traditionell auch eine Zeit des Almosengebens und der Solidarität mit Bedürftigen. Seit dem 20. Jahrhundert werden moderne Hungertücher gestaltet, die auf weltweite Armut, Hunger und soziale Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Hier bekommt das „Hungertuch“ zusätzlich eine soziale und politische Dimension: Es ruft zum Teilen und zur Verantwortung auf, unter anderem auch in Sachen Klimaschutz.

Trotz aller Unterschiede bleibt die Grundidee der Hungertücher gleich: Die Fastenzeit ist eine Zeit der Umkehr, der bewussten Unterbrechung und der neuen Ausrichtung – auf Gott und auf den Mitmenschen.

Ursprünge
Der Brauch, ein besticktes Leinentuch im Chorbogen aufzuhängen, ist seit dem Hochmittelalter (11. bis 13. Jahrhundert) belegt. Indem der Altar dem Blick der Gläubigen entzogen wurde, sollte ein sichtbares Zeichen der Buße und Demut gesetzt werden. Als Urbild des Hungertuches gilt der kostbare Vorhang des Tempels von Jerusalem, der beim Tod Christi der Länge nach zerriss.

Wahrscheinlich entstand der Brauch in Kloster-, Stifts- und Kathedralkirchen und wurde später auch in Pfarrkirchen übernommen. Während die Tücher zunächst schlicht und unverziert waren, entstanden im Laufe der Zeit reich geschmückte Exemplare mit szenischen Darstellungen der Passion Christi. Die Hungertücher wurden so zu einem sichtbaren Zeichen der Fastenzeit. Nach der Reformation geriet der Brauch vielerorts außer Gebrauch; in katholischen Gebieten wie dem Sauerland hielt man jedoch an der Tradition fest.

Die Hungertücher von Hellefeld und Grevenstein
Von den noch erhaltenen westfälischen Hungertüchern stammt eine relativ geschlossene Gruppe weißleinener Verhüllungstücher (Velen) aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Anders als frühere Arbeiten in Leinenstickerei wurden sie in Filetstopftechnik ausgeführt. Zu dieser Gruppe gehören auch die Hungertücher aus Hellefeld und Grevenstein. Nach mündlicher Überlieferung waren die Stickerinnen meist Damen des westfälischen Adels.

Während viele Hungertücher des 17. Jahrhunderts noch traditionelle Passionsszenen zeigen, verzichten die Tücher aus Hellefeld und Grevenstein vollständig auf solche Darstellungen. Stattdessen gehören sie zu einer kleineren Gruppe von Arbeiten mit Pflanzen- und Tiermotiven. Innerhalb dieser Gruppe bilden sie durch ihre umfangreichen Inschriften nochmals eine eigene Untergruppe. Die Ornamente verbinden mythologische und christliche Symbolik. Als Vorlagen dienten vor allem zeitgenössische gedruckte Musterbücher, insbesondere die Werke von Johann Sibmacher (Nürnberg 1597) und Giovanni Andrea Vavassore (Venedig 1530).

Im Laufe der Zeit wurden die beiden Tücher stark beschädigt, sodass sie in den Jahren 1968 bis 1970 restauriert werden mussten. Um den Charakter eines vorhangartigen Schleiers zu bewahren und die Stickerei vor weiterem Verfall zu schützen, nähte man sie auf ein feines, hellbeiges Siebleinen, von dem sich die Motive deutlich abheben. Beide Tücher werden seitdem im Erzbistum Paderborn ausgestellt.

Die Hungertücher aus Hellefeld und Grevenstein -beide aus der Zeit um 1600 – sind weit mehr als kunstvolle Textilarbeiten: Sie sind eindrucksvolle Glaubenszeugnisse ihrer Zeit und zugleich Ausdruck einer im Sauerland lebendig gebliebenen Tradition.

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