Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Als Franz Schauerte im März 1848 in Oberberndorf, einem kleinen Ort nordwestlich von Schmallenberg, geboren wurde, ging sein Vater, der wohlhabende Bauer Thomas Schauerte, wohl davon aus, dass sein Erstgeborener einmal den Hof übernehmen würde.
Doch Franz hatte andere Neigungen: Das Lernen lag ihm. Deshalb erhielt er zunächst einige Jahre Privatunterricht in Berghausen, besuchte anschließend das Gymnasium in Paderborn und studierte dort ab 1869 katholische Theologie und Philosophie. 1874 wurde er im Alter von 26 Jahren zum Priester geweiht. Acht Jahre später erhielt er in Erfurt seine erste Pfarrstelle.
Um den Fortbestand des Hofes musste sich der Vater keine Sorgen machen, denn Franz hatte noch vier Brüder und eine Schwester. Die Familie Schauerte lebte bereits seit mindestens dem 17. Jahrhundert in dem kleinen Ort, fünf Kilometer nordwestlich von Schmallenberg.
Pfarrer, Schriftsteller und Wissenschaftler
Fast zwei Jahrzehnte war Franz Schauerte als Hausgeistlicher in Friedrichroda in Thüringen tätig, bevor er 1892 in Erfurt eine Pfarrstelle antrat. 1893 promovierte Schauerte in Freiburg im Breisgau. Thema seiner Dissertation war „Christina von Schweden“. Warum er sich ausgerechnet der Regentin eines evangelischen Landes widmete, wird schnell klar: Christina von Schweden (1626–1689) war hochgebildet und gehörte zu den ungewöhnlichsten Herrscherinnen Europas. Mit 28 Jahren verzichtete sie freiwillig auf den Thron, da sie nicht in eine arrangierte Ehe einwilligen wollte. Es gibt auch Spekulationen, dass sie eine lesbische Orientierung hatte.
Ihr Übertritt vom Protestantismus zum Katholizismus hatte große religiöse und politische Bedeutung. An ihrem Lebensweg konnte er exemplarisch zeigen, wie eng im 17. Jahrhundert persönliche Glaubensentscheidungen mit Macht, Politik und Kirchengeschichte verknüpft waren.
In seinem Buch über Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel (1691–1750) beschäftigte sich Franz Schauerte mit dem Leben und der religiösen Bedeutung dieser Fürstin, die durch ihre Ehe mit dem späteren Kaiser Karl VI. Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches wurde. Auch hier stand ihr Übertritt vom Protestantismus zum Katholizismus im Mittelpunkt, der politisch wie persönlich höchst bedeutsam war. Schauerte zeigte, unter welchen inneren und äußeren Spannungen diese Entscheidung zustande kam und wie sie zwischen dynastischer Pflicht, Glaubensüberzeugung und höfischer Politik stand. Damit untersuchte er erneut das Zusammenspiel von Religion, Macht und persönlichem Gewissen.
In einem weiteren Werk widmete er sich einer bekannten mittelalterlichen Sage aus Thüringen: „Die Doppelehe des Grafen von Gleichen“. Darin geht es um einen Grafen, der während eines Kreuzzuges in muslimische Gefangenschaft gerät und nur freikommt, wenn er eine zweite Frau heiratet. Der Papst soll ihm daraufhin erlaubt haben, mit zwei Ehefrauen gleichzeitig zu leben – ein einzigartiger und stark umstrittener Vorgang in der christlichen Welt.
Mit diesem Buch verfolgte Franz Schauerte im überwiegend protestantischen Thüringen ein klares Ziel: Er wollte eine weithin bekannte Sage historisch richtigstellen und aus katholischer Sicht einordnen. Die Legende, wonach ein Papst eine Doppelehe erlaubt habe, berührte zentrale Fragen des Kirchen- und Eheverständnisses und bot leicht Anlass zu Missverständnissen oder kirchenkritischen Deutungen.
Schauerte wollte daher zeigen, dass es sich nicht um einen tatsächlichen Bruch der kirchlichen Lehre handelte, sondern um eine im Laufe der Zeit ausgeschmückte Überlieferung. Zugleich suchte er den wissenschaftlichen Dialog mit der protestantisch geprägten Geschichtsschreibung, indem er Quellen prüfte und zwischen Sage und historischer Wirklichkeit unterschied. Sein Buch diente somit sowohl der historischen Aufklärung als auch der Verteidigung eines korrekten kirchlichen Geschichtsbildes
Karriere
Mit der Übernahme des Magdeburger Propstamtes als Nachfolger von Kaspar Friedrich Brieden wurde Schauerte im Jahr 1901 auch Dechant für das Dekanat Magdeburg und bischöflicher Kommissar in Magdeburg. In seine Amtszeit fiel 1906 die Fertigstellung des Marienstiftes in Magdeburg-Wilhelmstadt.
Nach vielen Jahren intensiver Arbeit als Propst in Magdeburg, Dechant und bischöflicher Kommissar war er körperlich stark geschwächt. Diese Ämter bedeuteten große organisatorische Verantwortung und hohen Arbeitsdruck. Zeitgenössische Hinweise deuten darauf hin, dass er sich aus Erschöpfung und Krankheit aus dem aktiven Verwaltungsdienst zurückzog. 1909 verzichtete Schauerte auf seine Ämter und zog nach Thale im Harz. Im selben Jahr übernahm er als einfacher Pfarrer die Pfarrei in Schloss Neuhaus.

Die letzten Monate
Am Ende seines Lebens zog es Franz Schauerte zurück in die Heimat. Hier konnte er den Blick auf die schöne Landschaft und die Kapelle St. Thomas ein letztes Mal genießen. Er starb am 6. September 1910 in Oberberndorf an den Folgen eines Schlaganfalls.
Ein Foto von Franz Schauerte finden Sie hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Schauerte#/media/Datei:Franz_Schauerte.jpg
1900 wohnten in Oberberndorf in neun Häusern 83 Einwohner. Das sind fast doppelt so viele wie im 21. Jahrhundert. Der kleine Ort liegt an dem Flüsschen Werde.
Quellen:
https://mbl.ub.ovgu.de/Biografien/0956.htm
www.matricula-online.de
Foto Oberberndorf: Teta, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Foto Kapelle: Felix Löwe, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
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