Text: Christel Zidi
Beitrag mit ausschließlich faktenbasierter Darstellung
Die Christophglocke im „Sauerländer Dom“, der Kirche St. Johannes Baptist in Neheim, ist die größte des Sauerlandes: Sie wiegt 7,283 Tonnen bei einem Querschnitt von ca. zwei Metern und ist damit die schwerste Glocke der Region. Selbst die Soester Patrokliglocke (5,8 Tonnen) und die Christusglocke in Paderborn (5,5 Tonnen) sind dagegen Leichtgewichte. Auch die Petrusglocke in Warstein (4,1 Tonnen) und die Bürgerglocke in der Propsteikirche in Werl können da nicht mithalten.
Nun könnte man meinen, dass es in der „Glockengießerstadt“ Brilon wenigstens eine Glocke gäbe, die da mithalten könnte. Die Glockengießerei Heinrich Humpert, die über fast zwei Jahrhunderte die Glockengusstradition in Brilon prägte (1762 bis 1957) und später in die Glockengießerei Albert Junker überging, zählte dennoch zu den bedeutendsten Glockengießereien Westfalens.
Gegründet wurde die Gießerei im Jahr 1762 von Caspar Greve aus Grevenstein, der der lothringisch-westfälischen Glockengießertradition entstammte. Über mehrere Generationen hinweg blieb der Betrieb im Besitz der Familie Humpert. Humpert war vermutlich ein Nachfolgeunternehmen oder zumindest eng geschäftlich verbunden mit dem französischen Glockengießer Jean Baptiste du Bois (Dubois). Du Bois gehörte zu einer Gruppe französischer Glockengießer, die im 19. Jahrhundert in Westfalen tätig waren und die Klang- und Gussqualität westfälischer Glocken entscheidend verbesserten. Da der Transport schwerer Glocken zu jener Zeit kaum möglich war, zogen Glockengießer wie du Bois als Wandergießer umher und gossen große Glocken direkt vor Ort.
Besondere Bekanntheit erlangte die Gießerei durch die sogenannte Briloner Sonderbronze. Dabei handelte es sich um eine zinnfreie, devisensparende Legierung aus etwa 92 Prozent Kupfer und rund acht Prozent Silicium, die ausschließlich in Brilon entwickelt wurde. Ob die Glockengießerfamilie Humpert auch die Briloner Bürgerglocke aus dem Jahr 1506 gegossen hat, ist bislang nicht erforscht.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erlebte die Glockengießerei eine Phase intensiver Tätigkeit, da während des Krieges zahlreiche Kirchenglocken zur Materialgewinnung eingeschmolzen worden waren und in vielen Kirchtürmen nun Glocken fehlten. In der unmittelbaren Nachkriegszeit erschwerten jedoch Rohstoffmangel und die anschließende Inflation die Arbeit. Allein im Erzbistum Köln hat die Glockengießerei Heinrich Humpert nachweislich mindestens 38 Glocken gegossen.
Ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Unternehmens stellt die Glockengießerschule dar. 1927 wurde auf einem internationalen Kongress in Frankfurt von Glockenexperten und Glockengießern die Gründung einer spezialisierten Ausbildungsstätte gefordert. Bereits Mitte 1929 wurde daraufhin in Brilon die Glockengießerschule der Firma Heinrich Humpert eröffnet. Sie wurde von zahlreichen führenden Fachleuten unterstützt und verfolgte das Ziel, die Schüler sowohl wissenschaftlich als auch praktisch auszubilden. Die Teilnehmer stammten unter anderem aus Deutschland, Frankreich, Polen, der Tschechoslowakei, der Schweiz und Österreich. Diese weltweit einzigartige Glockengießerschule wurde jedoch 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen, weil sie ihnen zu international war.
Zurück nach Neheim: Die bronzene Christusglocke im Neheimer Dom wurde 2001 von Hans August Mark aus Brockscheid gegossen; ihr Schlagton ist fis0+3.
Die älteste Sauerländer Glocke hängt übrigens in der St. Peter und Paul-Pfarrkirche in Eslohe und stammt aus dem Jahr 1465; zwei Jahre jünger ist die Glocke in St. Antonius in Allendorf. Die Dachreiter-Glocke von St. Georg in Arnsberg wurde entweder 1517 oder 1616 gegossen; die Inschrift ist nicht mehr eindeutig zu entziffern.
Zum Vergleich:
Die „Zarenglocke“ in Moskau ist 201 Tonnen schwer, wurde 1735 gegegossen, aber nie geläutet, da sie während eines Brandes beschädigt wurde. Die Große Ming-Glocke (92 Tonnen) in China ist damit die größte funktionierende Glocke. Allerdings ist sie nur freihängend, aber aufgrund ihres Gewichts nicht freischwingend, das heißt sie wird nur angeschlagen.
Die größte Glocke Deutschland ist die Petersglocke im Kölner Dom, im Volksmund „Dicke Pitter“. 24 Tonnen schwer, belegt Rang 3. Lange war sie die größte freischwebende der Welt, wurde jedoch von der „Großen Glocke“ in Bukarest/Rumänen und der „Vos Patrix“ in Brasilien überholt.
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