Text: Christel Zidi

Beitrag mit erzählerischen Ergänzungen

Es war eine stille Welt, in die Siegfried von Hanxleden (* um 1180; † nach 1279) hineingeboren wurde. Sein Vater hatte sich als Ritter und Ministeriale einen Namen gemacht und dem kölnischen Erzbischof gedient. Ehre, Glaube und Pflicht bestimmten das Leben – Werte, die auch den Sohn prägten.

Für einen jungen Mann wie Siegfried war es oft viel zu ruhig im schönen Rarbachtal. Umso aufgeregter war er, als er von durch das Land ziehenden Predigern die Kunde vernahm, dass bald ein großes Heer nach Ägypten aufbrechen sollte, um später Jerusalem zu befreien. Siegfried erkannte, dass von ihm erwartet wurde, sich dem Zug anzuschließen – nicht nur aus Glaubenstreue, sondern auch als Zeichen seiner Standesehre.

Ebenso wie die vielen anderen Kreuzritter verstand Siegfried den Kreuzzug als „Pilgerfahrt mit dem Schwert“. Jerusalem und das Heilige Grab galten als heiligste Orte der Christenheit. Ihre Rückeroberung versprach spirituelles Prestige und gesellschaftlichen Aufstieg. Wer teilnahm, konnte nicht nur seine Abenteuerlust stillen, sondern erhielt zudem Ablass für seine Sünden. So ein Kreuzzug verband religiöse Hingabe mit ritterlicher Kultur. Aus damaliger Sicht – heute sprechen wir ganz klar von religiösem Fanatismus. Es war ein Kampf gegen Andersgläubige, denen man die Existenzberechtigung absprach.

So also nahm Siegfried von Hanxleden von 1217 bis 1221 am Kreuzzug von Damiette teil. Die Reise führte ihn durch fremde Länder und über ein Meer, das dem Sauerländer so unwirklich erschien wie ein Traum. Später in Damiette, am östlichen Nildelta, erfuhr Siegfried, was Krieg wirklich bedeutete: endlose Belagerung, krachende Maschinen, der Geruch von Angst und heißem Metall, und der Blick in Augen, die – wie er – Sinn suchten in einem Kampf, der immer weniger vom Glauben und immer mehr von Macht und politischen Interessen bestimmt wurde.

Konnte Siegfried wirklich jubeln, als Damiette schließlich fiel? Wir wissen es nicht. Ganz sicherlich hatte er in dieser Zeit mehr Leid als Sieg gesehen, mehr Zweifel als Gewissheit. Der Kreuzzug, der Jerusalem zurückbringen sollte, verstrickte sich in Missverständnisse, Fehlentscheidungen und Eitelkeiten. Am Ende stellte sich der zunächst militärisch erfolgreiche Kreuzzug als strategisch erfolglos heraus.

Jahre später kehrte Siegfried nach Westfalen zurück. Das heimatliche Tal umfing ihn mit dem vertrauten Duft von Eichenwäldern und feuchter Erde. Als er endlich wieder das Rauschen des Rarbaches hörte, machte sein Herz einen kleinen Freudensprung. Die Welt da draußen konnte zwar durchaus reizvoll sein, doch Frieden fand sein Herz nur hier in Hanxleden.

Siegfried übernahm nun Verantwortung für Land und Leute, sprach wenig über das, was er gesehen hatte, und lebte fortan als Ritter, der weiter gereist war als die meisten in seinem Tal.

Nach seiner Rückkehr – so steht es in der Dorfchronik –  stiftete er mit seinem Nachbarn, dem Herrn von Sögtrop, an der gemeinsamen Gutsgrenze eine Kirche nebst Pfarrstelle, aus der sich der Ort Kirchrarbach entwickelte. Kirchrarbach wurde damit zum geistigen Mittelpunkt, zum Ort der Begegnung zwischen ihren Rittersitzen und den umliegenden Orten. Während später die Burgen in Sögtrop und Hanxleden verfielen, blieb Kirchrarbach bis heute das Herz der Gemeinde.

Bild: ki-generiert by Microsoft Copilot